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Geoffrey Ctacer 

seine Zeit und seine Abhängigkeit 
von Boccaccio. 



Eine von der philosophischen Facultät der 
Universität Rostock 

genehmigte 

Promotionsschrift 

vou 



D= Fedor Mamroth. 






Breslau. F. W. Jungfer^s Buchdruckerei. 



Meiner Mu 



TTER 



JDer hehre Weltenrichter, der «unter den Menschen 
seinen verborgenen Weg geht mit stillem Wandeln, doch 
endlich, wenn er dem Ziel sich naht, mit dem Donner- 
klang der Entscheidung» ist kein Freund friedlichen 
Fortschrittes; er scheint vielmehr, der radikalen Empirie 
des Hippokrates huldigend, Feuer und Schwert für die 
allein wirksamen Medikamente des Menschengeschlechts 
zu halten, scheint zur Hervorbringung einer grossen, die 
Menschheit mächtig fördernden Idee und des diese Idee 
predigenden Apostels immer erst eines mit Blut und 
Thränen gedüngten Bodens zu bedürfen. 

Die Befreiung der Juden vom Sklavenjoch bringt 
namenlosen Jammer über die Aegypter; auf den Sturz 
der griechischen Weltherrschaft folgt die Grösse Roms; 
der Untergang des morgenländischen Kaiserthums streut 
den Samen der Gelehrsamkeit über die Völker der Erde ; 
die Entdeckung des Seeweges nach Ostindien eröffnet 
dem Menschen neue, ungeahnte Bahnen; aber sie tödtet 
schonungslos das Leben der grossen italischen Handels- 
liga ; der reformatorische Mahnruf des grossen Augustiner- 
Mönches beschwört eine endlose Kette von Gräuel- und 
Gewaltthaten herauf, und die französische Revolution 

1 



scheint einzig und allein entstanden zu sein^), um aus 
ihren chaotischen Trümmern phönixgleich einen Napoleon 
hervorgehen zu lassen, der in blutigem Läuterungsprozess 
die Schlacken des Mittelalters, den finstern, erdrückenden 
Bann des Feudalismus und der Priester-Despotie von uns 
zu nehmen bestimmt war und dem wir, wenn wir die 
Consequenz der Thatsachen recht vorurtheilsfrei be- 
trachten, vornehmlich die endliche Einigung des deutschen 
Volkes zu verdanken haben. Alle Noth , alles Elend, 
welches ein Volk trifft, kommt unfehlbar früher oder 
später glücklicheren Epigonen zu Gute; sie dürfen das 
gelobte Land betreten, das uns selbst in Schmerzen nur 
von ferne zu sehen vergönnt war: 

»So bringt dem Nachgeschlechte unser Leid 
Die Frühlingsgrüsse einer bessern Zeit!» 

Wenn wir die Entstehungsgeschichte unserer moderneu 
Bildung ab ovo verfolgen und uns über die Ereignisse, 
welche zu deren Förderung in irgend welcher Hinsicht 
beigetragen haben, klar zu werden suchen, so gelangen 
wir auch zu der grossen — Pest, welche in der Mitte 
des vierzehnten Jahrhunderts Europa verheerte, die von 
den Chronisten^) der damaligen Zeit mit seltener Ueber- 
einstimmung das grosse Sterben oder der schwarze Tod 
genannt wird und ohne deren Auftreten ein Boccaccio 
schwerlich sein «Decamerone» — dieses unerschöpfliche 
Oelkrüglein der Literatur — ein Chaucer nicht seine 
«Canterbury-Tales» geschrieben haben würde. 

Sie begann im Jahre 1345, wälzte sich von einem 



^) S^gur «Histoire de Napoleon et de la grande armee.» 
Stuttg. 1845, tome II, S. 273. 

^) In Schweden heisst sie «diger-Doeden,« in Dänemark 
«Sorte Dod,» in Island «Svarter Dandi,» in Italien «la Mortalega 
grande.» 



Ende Europens bis zum andern und wüthete im Ganzen 
ungefähr sieben Jahre lang. Eine andere Gestalt hatte 
sie im Orient, eine andere im Westen^). Keine Kunst, 
keine Vorsicht schützte gegen das üebeP). Kein Heil- 
mittel wirkte, weil die Gewalt der Krankheit entweder 
an sich oder wenigstens für die Aerzte der damaligen 
Zeit unbezwiuglich war. Fast Alle, welche die Pest er- 
griff, starben binnen drei Tagen und Viele, welche am 
Morgen in blühender Gesundheit prangten, waren Abends 
Leichen. 

Ausführlich und mit hinreissender Beredsamkeit, ähn- 
lich wie Thukydides bei Beschreibung der atheniensischen 
Pest, schildert Boccaccio den entsetzlichen Einfluss, welchen 
diese Krankheit auf alle Verhältnisse ausübte. 

Die vollkommene Wahrheit der Beschreibung, die 
Wahl solcher Nebenumstände, welche den tiefsten Ein- 
druck machen können und welche, indem sie die ent- 
setzlichsten Gegenstände vor Augen bringen, doch keinen 
Widerwillen erregen, die Rührung des Schriftstellers, die 
unaufhörlich durchscheint, ohne im Geringsten zur Schau 
getragen zu werden, stempeln diesen Abschnitt zu einem 
der schönsten historischen Gemälde, welche irgend ein 
Jahrhundert uns aufbewahrt hat^). 

Das Mitleid und die Theilnahme schien , wie er er- 
zählt^), gänzlich von der Erde verschwunden zu sein; 
ein Jeder sorgte nur für sich; ein Bruder verliess den 
andern, der Oheim den Neffen, das Weib den Mann und 



^) «II Decamerone,» S. 5. Lpz. 1865. 

^) Ebd. et in quella non valendo alcuno senno 

ne umano provedimento. 

^)SimondeSismoiidi «die Literatur des südlichen Europas,» 
Band III, S. 325. 

*) «II Decamerone» I, S. 5. 

1* 



— che maggior cosa e e quasi non credibile — Väter 
und Mütter Hessen ihre Kinder hilflos im Stich. Allge- 
mein betrachtete man die Krankheit als ein Strafgericht 
Gottes 1). 

Papst Clemens VI., welcher sich in seine Zimmer 
einschloss und allezeit ein grosses Feuer vor sich brennen 
hatte, lässt zur Beruhigung der Pestkranken ein für alle 
Mal den grossen Ablass ertheilen. Zu Bern war man 
darauf bedacht, die Gemüther zu erheitern und sie zu 
beschäftigen ; die Mönche von Reichenau aber begaben 
sich unter dem Vorwande, ärztlicher Hilfe näher zu sein, 
nach Ulm und lebten daselbst herrlich und in Freuden^). 

Die ehrwürdige Gewalt der Gesetze war vernichtet, 
weil die Diener und Vollstrecker derselben todt oder 
krank waren; keine Ordnung galt mehr, alle Gewerbe 
ruhten, die Saaten reiften ungemäht, die Hausthiere liefen 
herrenlos umher; ganze Städte verödeten; viele Erb- 
schaften blieben unerhoben und in der See fand man 
Schiffe, deren Bemannung völlig ausgestorben war. 

Die Zahl der von der Seuche Ergriffenen war eine 
ganz ungeheure^). 

In Spanien raffte sie ausser einer unglaublichen Menge 
gewöhnlicher Menschen auch Alphons XL, König von 
Kastilien, hinweg. Auf der Insel Sicilien brachte sie 



*) Ebd. « per le nostre inique opere da guista 

irä di Dio a nostra correzione mandata» — — 
') Johannes Müller «Geschichte der schweizerischen Eid- 
genossenschaft,» Thl. II, S. 200 ff. 

*) Cohnsberg «Analecta ad pest hist.,» S. 10: 

id tarnen constat, numerum hominum 

hac morte absumptorum tantum esse, quantus 
nunquam antea in historia epidemiarum 
narratur — — — 



530,000 Menschen den Tod; in Venedig^) starben 100,000, 
in England^) neun Zehntel der ganzen Bevölkerung. 

lieber Boccaccio's Schicksale während dieser ausser- 
ordentlichen Noth fehlen uns bestimmte Nachrichten. 
Aus einer Stelle^) seines nur bis zum 17. Gesänge ge- 
diehenen «Commento sopra la commedia di Dante» er- 
giebt sich, dass er beim Ausbruch der Pest nicht in 
Florenz war^). 

Vielleicht auch hat er sich denen ^) angeschlossen, die 
ihre Vaterstadt, ihre Wohnungen und ihr Vermögen ver- 
liesseu und sich auf einen Landsitz flüchteten, vielleicht 
dort bei den Musen Trost und Erholung vor der Drangsal 
der Zeit gesucht, vielleicht hat er sein «Decamerone» dort 
selbst durchlebt. Immerhin jedoch wird die Krankheit 
wohl nicht ohne tiefen Eindruck auf sein Gemüth vor- 



^) Kurt Sprengel «Versuch einer pragmatischen Geschichte 
der Arzneikunde,» Th. IT, S. 483 u. ff. 

2) Cohnsberg a. a. 0. — in Anglia numero fortasse in 
falsum aucto novem decimae partes absumptae esse feruntur. 

Nach Pauli (Geschichte v. England, Band 4, S. 417) wurden 
allein in London täglich 200 Leichen beerdigt. Erst im Sommer 
1348 Hess die Heftigkeit des «faulen Todes» nach, eine Bezeich- 
nung, die noch lange nachher in England als Fluch gebraucht 
wurde. (Be de foule dethe of Engelond, vgl. Pauli, S. 418). Das 
französische «Peste» stammt vermuthlich auch aus jener Zeit. 

^) Nach Witte (Leben des Boccaccio, S. 56) in Gesang VI, 
S. 105 der Moutier'schen Ausgabe. 

"*) Witte nimmt an, dass er, während die Pest noch in 
Florenz wüthete, mit Ludwig von Tarent, dem Gemahl der ent- 
thronten Königin Johanna von Neapel, dahin zurückgekehrt sei 
und dort die Eindrücke sammelte, die er, wenigstens zum Theil, 
als Augenzeuge schilderte. Vgl. «II Decamerone,» S. 6: Mara- 
vigliosa cosa e ad udire quello che io debbo dire: il che se dagli 
occi di molti e da miei non fasse stato veduta etc. 

^) «II Decamerone» I, S. 8. 



6 



übergegangen sein, denn die Menschen in Tagen solcher 
Angst zu sehen, ist ebenso schrecklich wie lehrreich. — 



Alles in der Welt ist Zusammenhang, so dass wir, 
um irgend etwas gründlich zu verstehen, eigentlich Alles 
verstehen müssten^), und so kann man den Charakter 
eines Dichters im Ganzen nie mit einiger Richtigkeit 
treffen, bevor man nicht den Kreis der Kunstgeschichte 
gefunden hat, zu dem er gehört, das grössere Ganze, 
von dem er selbst nur ein Glied ist^). Daher sei uns, 
bevor wir zu Chaucer selbst übergehen, ein Blick auf 
den damaligen Zustand der Literatur, besonders der 
italienischen gestattet. — Dante erscheint in der tiefen 
Nacht der Rohheit und der Unbildung, welche Italien 
wie den gesammten Occident überzogen hatte, als ein 
hellleuchtendes Gestirn. 

Wie Homer den Chor der hellenischen Dichter anführt, 
so Dante den der romanischen; aber Dante und Homer 
gehören zwei getrennten, völlig verschiedenen Welten an. 



^)ErnestNaville «die Pflicht; zwei Reden an die Frauen» 
1869, S. 2. 

2) Es ist eine triviale, aber bedeutsame Wahrheit, dass jeder 
Mensch ein Kind seiner Zeit ist. Der grosse Mann unterscheidet 
sich nur dadurch, dass er über sein Zeitalter sich erhebt und es 
auf die Höhe, die er erreicht, mit sich hinaufträgt. In Betreff 
der Motive und Bedingungen seiner Entwickelung, Förderung und 
Ausbildung und damit der Gestaltung seines geistigen Lebens 
ist er von der Gunst der Umstände ebenso abhängig, wie jeder 
seiner grossen und kleinen Bewunderer. Zu verstehen und zu 
beurtheilen ist er daher wie jeder Andere, nur aus dem Geiste 
und Charakter seiner Zeit. 

Ulrici «Einleitung zu Shakespeare's Werken» 1867, I, 3. 



und der Gegensatz dieser Welten enthüllt sich deutlich 
in ihren Dichtungen. 

Wie Homeros einst das freie, freundliche Lehen der 
früheren hellenischen Welt in seinen unsterblichen Ge- 
sängen verherrlichte, so stellt Dante den tiefen, ernst- 
ascetischen Sinn der mit Christus beginnenden neuen Welt 
in einer wundersamen Dichtung — la divina commedia — 
dar. In einem Mittelpunkt drängte sich die Kraft seines 
erfindsamen Geistes zusammen; in einem ungeheuren 
und unvergänglichen^) Gedicht umfasste er mit starken 
Armen seine Nation und sein Zeitalter, die Kirche und 
das Kaiserthum, die Weisheit und die Offenbarung, die 
Natur und das Reich Gottes. Himmel und Hölle sind 
die Extreme dieser Dichtung, und da Freiheit und Unter- 
drückung den Charakter seiner Zeit ausmachen, so schildert 
Dante in seiner «Hölle» die Herrschaft des bösen Prinzips 
sammt ihren Wirkungen und Folgen mit wahrhaft welt- 
richterlicher Strenge und erschöpfte den furchtbaren Stoff 
so ganz und vollkommen, dass dem erfreulichen Gemälde 
des Himmels beinahe Abbruch geschah^). 

Mit Dante beginnt die ästhetische Cultur der italieni- 



^) «Ueber dem Abgrund der Vergessenheit und des Nicbts, 
der an irgend einem Punkt der endlosen Zeit alle Erinnerungen 
und Denkmale menscUicher G-rösse verschlingt, schweben am 
längsten die Werke der Dichtung und die Göttliche Comödie 
wird vielleicht noch gelesen werden, wenn Eaphael's G-emälde 
längst zerfallen sind und die Kuppel Michelangelo's zusammen- 
gebrochen sein wird. 

Karl Justi «Dante und die göttliche Comödie» 1862, S. 40. 

^) «Am spärlichsten sind die reinpoetischen Schönheiten in 
dem dritten Theil (Paradiso), wo Einem die Unmöglichkeit, den 
dünnen metaphysischen Stoff plastisch zu gestalten, auf Schritt 
und Tritt begegnet.» 

Scherr «Gesch. d. Literatur» 1872, Lief. 4, S. 291. 



8 



sehen Sprache ^). Mächtig ergreift sein Gesang den Geist 
seiner Nation. Er wird mit jener schwärmerischen Be- 
geisterung aufgenommen, wie sie eben nur in Zeitaltern, 
welche noch zu wenig verfeinert sind, um dem Neide der 
Mitbewerber und der Tadelsucht der Kritiker Gehör zu 
geben, Werken der Genies zu Theil wird^). 

Fast jede Bibliothek Italiens enthält Abschriften^) der 
«Divina Commedia» und ein Bericht über die Commen- 
tatoren*) und Epitomatoren dieses Werkes würde einen 
Band füllen. In Florenz errichtete man einen Lehrstuhl, 
von welchem herab geistvolle Männer den hohen Sinn 
der Göttlichen Komödie erklären sollten, und nicht ge- 
ringe Ehre brachte es dem Andenken dieses Dichters, 
dass der erste zu diesem Lehramt Berufene — Boccaccio 
war, er, der in Gemeinschaft mit Petrarca — superieur 
ä tous ceux qui ont chante l'amour^) — die Gesellschaft 
aus der intellektuellen Entwürdigung, zu der sie in finstern 



^) Vincent Arnese «Etat des sciences et des arts an Italie» 
1870, S. 20. 

^) Henry Hallam «Geschiclitliche Darstellung des Zustandes 
von Europa im Mittelalter» 1820, Th. II, S. 735. 

^) Nur vier derselben sind nacli Mazzuchelli (vgl. Scrittori 
d'Italia, vol. II, S. 1370) auf uns gekommen und zwar die des 
Manelli 1471, des Nie. Delfino 1516, des Lodovico Dolce 1541 
und des Girolamo Ruscelli 1552; vgl. ebenso Hamburger «Zu- 
verlässige Nachricbten von den vornehmsten Schriftstellern,» 
Lemgo 1764, Theil IV, S. 600 u. ff. 

*■) «Im Jahre 1850 trug der Erzbischof und Herr von Mailand, 
Johann Visconti, sechs gelehrten Männern: zwei Theologen, zwei 
Philosophen und zwei Alterthumsforschern von Florenz auf, durch 
ihre Arbeiten alles aufzuklären, was in der göttlichen Komödie 
könnte dunkel geblieben sein.» 

Simonde Sismondi a. a. 0., Band I, S. 293. 

^) Vincent Arnfese a. a. 0., S. 20. 



Jahrhunderten^) herabgesunken, zu erheben bestimmt 
war — durch die Wiederbelebung classischer Gelehrsam- 
keit — — . Die lateinische Sprache freilich, in 

der alle gerichtlichen Urkunden abgefasst waren und 
deren sich die Geistlichen in ihrem Briefwechsel und 
ihren Ceremonien bedienten, hatte nie aufgehört, bekannt 
zu sein, und obgleich in den schriftlichen Aufsätzen derer, 
die man «Gelehrte» nannte, viele Sprachfehler und Bar- 
barismen vorkamen, so besassen dieselben im Lateinischen 
doch eine ziemlich bedeutende Gdäufigkeit^). Doch war 
das Studium der alten römischen Autoren gänzlich er- 
loschen. Zur Neu-Entdeckung derselben beigetragen zn 
haben, ist das unsterbliche Verdienst Boccaccio's und 
Petrarca's^). 



^) «So gab es beispielsweise in dem ganzen Zeitraum vom 
sechsten bis zum zehnten Jahrhundert in ganz Europa nur drei 
oder vier Männer, die selbstständig zu denken wagten, und selbst 
sie waren genöthigt, ihre Meinung mit einer dunklen und ge- 
heimnissvollen Sprache zu verhüllen. Der übrige Theil der Ge- 
sellschaft war in dieser Zeit zu einer erniedrigenden Unwissen- 
heit gesunken.» 

Buckle's «Gesch. d. Civil, in England,» Ausgabe von 

Ritter, Band I, S. 189. 

2) Ha 11 am a. a. 0., IL, S. 748. 

^) Schon im Laufe des zwölften Jahrhunderts hatte sich eine 
Wendung zum Bessern bemerkbar gemacht. Sowohl die schönen, 
wie die abstrakten Wissenschaften des Alterthums wurden ein 
Gegenstand des Studiums und zeichneten sich mehrere Gelehrte 
jener Zeit in verschiedenen Theilen Europas mehr oder weniger 
durch Eleganz, wenn auch nicht durch vollkommene Reinheit 
des lateinischen Stils aus und durch ihre Bekanntschaft mit den 
grössten Schriftstellern des römischen Alterthums. Ich nenne 
nur Johann von Salisbury, den scharfsinnigen und gelehrten Ver- 
fasser des «Palicratius,» Wilhelm von Malmsbury, Giraldus Cam- 
brensis, Roger Hoveden, Otto von Freysingen, Saxo Grammaticua 
und vor Allen Falcandus, den Historiographen Siciliens. 



10 



Die Seltenheit der Manuscripte legte denen, die es 
unternahmen, die Schätze der alten Literatur wieder zu- 
gänglich zu machen, unglaubliche Hindernisse in den 
Weg. So gross war ausserdem die Unwissenheit der 
Mönche, die diese Handschriften in ihren Mauern ver- 
borgen hielten , dass man sich nur durch die unermüd- 
lichsten Forschungen vergewissern konnte, was eigentlich 
aus dem grossen Schiffbruche des Alterthums gerettet 
war. Dieser Untersuchung widmete Petrarca sowohl wie 
Boccaccio unablässig die grösste Aufmerksamkeit. Sie 
sparten keine Mühe, die Ueberbleibsel von Schriften^), 
die in Gefahr standen, durch den Zahn der Zeit oder 
durch Vernachlässigung vernichtet zu werden, vom Unter- 
gange zu retten^). 



Livius, Cicero, Plinius u. A. m. werden in den Werken dieser 
Männer häufig citirt. Im 13. Jahrhundert scheint die classische 
Literatur, vermuthlich (vgl. Hallam a. a. 0., II, S, 749) von der 
damals in grösster Blüthe stehenden scholastischen Philosophie 
verdrängt, wieder etwas in Vergessenheit gerathen zu sein, bis 
sich nun endlich um die Mitte des 14. Jahrhunderts der lebhafte 
Eifer für die alte Literatur neu zu entfalten begann. 

^) «Petrarca legte auch eine Sammlung römischer Münzen 
zum Behuf der Geschichte und Chronologie an.» 

Ruth «G-eschichte d. italien. Poesie» 1844, Band I, S. 561. 

^) Diese Gefahr war im 14. Jahrhundert keineswegs vorüber- 
gegangen. Eine Abhandlung Ciceros über den Ruhm, die 
Petrarca besessen hatte, ging unwiederbringlich verloren. Er 
hatte das Buch einem armen Gelehrten — nach Bougine (vgl. 
dessen Handbuch der allgem. Literaturgeschichte nach Heumann's 
Grundriss, 1789, Th. L, S. 538) seinem alten Lehrer Convenale 
zu Avignon — geliehen, der es bei einem Pfandleiher versetzt 
hatte, von welchem es nicht wieder zu erlangen war. Auch 
versichert Petrarca, in seiner Jugend Varro's Werke gesehen zu 
haben, doch alle seine Bemühungen, dieser sowohl, wie der 
zweiten Decade des Livius habhaft zu werden, waren erfolglos. 
Vgl. Tiraboschi, «Storiadella letterat. italiana,» Th. V, S. 89. 



11 



Audi Niccolo Niccoli und Coluccio Salutato ^), der flo- 
rentinische Kanzler, sowie die Gebrüder Villani^) zeich- 
neten sich in dieser ehrenvollen Beschäftigung aus. Doch 
war der Fleiss dieser Männer nicht allein auf Forschungen 
nach Manuscripten beschränkt. Abgeschrieben durch 
nachlässige Mönche und andere unwissende Menschen, 
die dieses Geschäft als Gewerbe betrieben ^), erforderten 



Von Interesse ist nachstehende charakteristische Begebenheit, 
welche Giann. Manetti (vgl. Baldelli «vita del Boccaccio,» S. 127) 
von Boccaccio erzählt : 

Während seines Aufenthaltes zu Neapel besuchte Boccaccio 
das Kloster zu Monte Casino, wo er — die Benediktiner machten 
aus dem Abschreiben der Bücher eine Hauptbeschäftigung — reiche 
Ausbeute zu finden hoffte. Er fragte nach der Bibliothek und 
man zeigte ihm zu seinem Erstaunen einen Kornspeicher, zu dem 
er mittelst einer Leiter hinaufklettern musste. Nicht die ge- 
ringste Sorgfalt war daselbst zu bemerken. Das Gras wuchs 
auf den Fenstern, die Bücher waren von Staub und Schimmel 
bedeckt und manche schrecklich zugerichtet. Sein Erstaunen 
verwandelte sich aber in den grössten Schmerz, als ihm einer 
der Mönche erzählte, dass er, so oft er etwas Geld verdienen 
wollte, einen dieser Bände abschabe und Psalter für die Kinder 
oder Ablassbriefe für die Weiber darauf schreibe! 

^) Er muss auch als Dichter Hervorragendes geleistet haben; 
denn er war in jenem Jahrhundert neben Zanobi di Strada, 
welchen Kaiser Karl IV. im Jahre 1355 selbst zu Pisa mit grosser 
Pracht krönte, der einzige, der mit Petrarca die Ehre der Dichter- 
krone theilte. Merkwürdig ist sein tragisches Schicksal ; er starb 
nämlich wenige Stunden vor dieser Feierlichkeit im Alter von 
76 Jahren. 

vgl. Simonde Sismondi II, S. 335 u. ff. 

^) «Giovanni der Aeltere, Matteo, sein Bruder, (Beide starben 
an der Pest) und Filipp, des Matteo's Sohn, sind in meinen 
Augen Petrarca's grösste Zeitgenossen.» 

Simonde Sismondi a. a. 0. S. 335. 

^) Im 13. Jahrhundert beschäftigten die Universitäten viele 
Abschreiber. Zu Mailand sollen ihrer um jene Zeit fünfzig ge- 



12 



die Handschriften unaufhörliclie Bericlitigungen durch 
aufmerksame Kritiker, und so verdankt man diesen 
Männern die ersten verständlichen Texte der alten la- 
teinischen Classiker, wenngleich noch Vieles dem Scharf- 
sinn späterer Zeiten vorbehalten blieb. 

Um die griechische Sprache und Literatur war es 
ungleich schlimmer bestellt. Sie war seit dem Umsturz 
des westlichen Kaiserreiches oder wenigstens seit der 
Zeit, als Rom aufhörte dem Eparchen zu Ravenna zu 
gehorchen, im Bereich der lateinischen Kirche fast gänzlich 
erloschen. Nur aus der früheren Periode des Mittelalters, 
als die morgenländischen Kaiser noch die Herrschaft über 
einen Theil Italiens iune hatten, als Johannes Damascenus, 
Photius, Michael Psellus durch ausgebreitete Gelehrsam- 
keit und den Reichthum ihrer Kenntnisse die griechische 
Kirche mit erhöhtem Glänze erfüllten, lassen sich einige 
wenige Ausnahmen hiervon auffinden. 

So preist Beda Venerabilis den Primas von Canterbury, 
Theodor — derselbe war allerdings ein geborener Grieche 
— sowie den Archiepiscopus von Rochester, Tobias, 
wegen ihrer Kenntnisse in der griechischen Sprache ^). 

Hin und wieder findet man, wenn auch sehr spärlich, 
in den Schriften einiger Gelehrten jener Zeit: in denen 
des Hrabanus Maurus ^) , des Paschasius Ratbert ^), des 






wesen sein (vgl. Tirabosclii a. a. 0. vol. IV, S. 72). In der Abtei 
St. Albans wurden um das Jahr 1300 unter einem einzigen Abte 
58 Bücher abgeschrieben. 

vgl. War ton «history of the engl, poetry» Th. I, 
dissert. II, S. 8. 

*) vgl. Historiae ecclesiasticae gentis Anglorum libri quinque 
Cap. 9 u. 24. 

2) 776—856 Erzbischof von Mainz «de Universo libri XXII» 
und «Glossaria latina-theotisca.» 

^) Gestorben um d. Jahr 865, Abt zu Corvey «de corpore et 
sanguine Domini.» 



13 



Ratramus ^) und späterhin auch des Lanfrancus ^) grie- 
chische Schriftzeichen. 

Roger Bacon ^) scheint ebenfalls griechisch verstanden 
zu haben und sein gleich grosser Zeitgenosse, Robertus 
Grosthead*) (auch Grouthead oder Grosstest) war hin- 
reichend mit dieser Sprache vertraut, um Anmerkungen 
zum Aristoteles schreiben zu können. 

In Italien war die Unwissenheit am allergrössten. 
Zwar wurde in einigen Gegenden Calabriens immer noch 
die griechische Liturgie gebraucht ^) und konnte mithin 
eine gewisse Bekanntschaft mit dieser Sprache voraus- 



^) Gestorben um d. J. 868, Möncli ebd. «über de corpore et 
sanguine Domini.» 

^) 1005 — 1089, Erzbiscbof v. Canterbury «liber de corpore et 
sanguine Domini» (eine Streitschrift gegen Bischof Humbert von 
Selva Candida). 

^) vgl. Baumgarten: « Sammlung merkwürd. Lebensbeschrei- 
bungen,» Th. lY, S. 616. 

Er selbst beklagt sich bei einer gewissen Gelegenheit (opus 
majus S. 45) über die Unwissenheit der Aristoteles-TJebersetzer. 
Jeder üebersetzer, bemerkt er, sollte die Materie, die sein Autor 
abhandelt, nebst den beiden Sprachen, woraus und worin er 
übersetzt, verstehen. Letzteres ist aber bis jetzt bei den Ueber- 
setzem des Aristoteles, den Boethius ausgenommen, nie hinrei- 
chend der Fall gewesen; auch besass keiner von ihnen, ausser 
dem berühmten Bischof V.Lincoln, Robert Grosthead, hinlängliche 
wissenschaftliche Vorbildung; sie begingen deshalb nach beiden 
Eichtungen hin auffallende Irrthümer. Es finden sich daher in 
ihren Uebersetzungen der Werke des Aristoteles so viele Fehler 
imd Dunkelheiten, dass Niemand sie versteht. 

vgL Hallam a. a. 0. II, 711. 

*) Gestorben 1253, Bischof von Lincoln «Commentarius in 
libros posteriorum Aristotelis;» erst 1690 zu London durch Edward 
Brown edirt. 

°) Calabrien blieb dem morgenländischen Kaiserreiche bis 
kurz vor dem Jahre 1100 unterworfen. 



14 



gesetzt werden; allein um das Jahr 1300 kannten die 
italienischen Gelehrten nicht einmal die griechischen 
Buchstaben^). Auch finden wir vom sechsten bis dreizehnten 
Jahrhundert auch nicht eine Zeile aus einem griechischen 
Dichter citirt ^). 

Da zog im Jahre 1341 Barlaam, ein Mönch vom 
Orden des heiligen Basilius, nach Italien. Aus Catalonien 
gebürtig, war er in der Jugend, um aus den griechischen 
Quellen schöpfen zu können, nach Aetolien und Salonica 
gegangen ^) und suchte seine hier erworbenen Schätze 
im Jahre 1327 in Constantinopel nutzbar zu machen, 
wo er in Johann Cantacuzenus, dem Liebling des Kaisers 
Andronikus des Jüngern, einen freundlichen Gönner fand. 
Doch sah er sich in Folge von Zänkereien mit den 
Mönchen vom Athos zu fliehen genöthigt ; er ging nach 
seiner Heimath zurück und wurde zu Avignon *) Lehrer 
des Petrarca, mit welchem er Plato's Werke ^) las. 

Ebenso findet Boccaccio zu Pisa bei Leoutius Pilatus 
aus Thessalonice griechischen Unterricht. Er bewirkte 
es, dass die Florentiner denselben mit einem bestimmten 
Gehalte dafür anstellten, öffentliche Vorlesungen über 
Homer ^) zu halten, nachdem er selbst privatim die Iliade 



^) Nemo est, qui Graecas litteras noscit; at ego in hoc Latini- 
tati compatior, quae sie omnino Graeca abjecit studia, ut etiam 

non noscamus characteres literarum — . 

Boccaccio. De Geneologia Deorum libri XV, p. 3. 

2) vgl. Hallam a. a. 0. II, S. 756. 

3) vgl. Mazzucchelli a. a. 0. Th. II, S. 369. 

*) vgl. Schuck «Zur Charakteristik der italienischen Hu- 
manisten des 14. u. 15. Jahrhunderts.» Bresl. 1857, S. 7, Anm. 

^) Marsand «Le memorie suUa vita del poeta Petrarca.» 
Parigi 1857, S. 8. 

ß) vgl. Schuck a. a. 0. S. 10. 



15 



mit ihm gelesen und sich mit der Platonischen Philo- 
sophie ^) bekannt gemacht hatte. 

Allerdings scheint weder Petrarca ^) noch Boccaccio 
einen allzuhohen Grad der Vollkommenheit in der grie- 
chischen Sprache erlangt zu haben — letzterer spricht 
selbst äusserst bescheiden von seinen Fortschritten im 
Griechischen ^) — , aber sie netzten ihre Lippen an der 
Quelle, genossen des Ruhms, die ersten zu sein, die dem 
Yater der Dichtkunst die Huldigungen einer neuen 
Nachwelt zollten und hatten in ihren Zeitgenossen 
das Verlangen wachgerufen, in einer neuen Sphäre 
der Wissenschaften Kenntnisse zu sammeln ^) ; und wie 



Ruth «aeschichte der italien. Poesie,» 1844, Bd. I, S. 579. 
^) Petrarca erzählt, dass er den Fürsten der Dichter Homer 
neben Plato, den Fürsten der Philosophen gestellt habe, aber 
sich leider mit dem Anblicke begnügen müsse. Oft erfreue er 
sich, setzt er hinzu, dennoch an dem blossen Anblick, oft umarme 
er seine Bücher und rufe seufzend aus : «wie gern würde ich euch 
hören, wenn nicht das eine meiner Ohren der Tod, das andere 
die Entfernung taub gemacht hätte.» Er besitze zwar die latei- 
nischen Uebersetzungen des Plato und des Homer , aber sie ge- 
nügten ihm nicht, und er gebe die Hoffnung nicht auf, wie einst 
Cato in seinem Alter, doch noch die griechische Sprache ganz zu 
erlernen. 

vgl. Heeren «G-eschichte der class. Literatur» Th. I, 
S. 289 u. ff. 
^) vgl. «Genealogia Deorum» S. 4: 

— — etsi non satis plene perceperim, percepi tamen 
quantum potui; nee dubium, si permansisset homo ille 

vagus diutius pene nos quin plenius percepissem , 

Das «homo ille vagus» zielt zweifelsohne auf den Leöntius 
Pilatus, den (vgl. Schuck a. a. 0. S. 10, Anmerkung) sein unstäter 
Geist nicht lange in Florenz duldete; er ging wieder nach Grie- 
chenland, kehrte abermals zurück und wurde unterwegs auf dem 
Schiffe vom Blitz getödtet. 

^) Nach. dem Falle des griechischen Kaiserreichs flohen eine 



16 

der Stein, den man in's Wasser wirft, immer grössere 
und grössere Kreise um sich zieht, so gab Petrarca's und 
Boccaccio' s Vorgehen den Anstoss zu einer Bewegung, 
wie sie wichtiger, bedeutsamer und folgenreicher in der 
Geschichte der Cultur nicht wieder vorkommt. 

Dieselbe grosse Zeit, welche auf einen Dante, einen 
Petrarca und Boccaccio stolz sein durfte, hat auch ihn 
hervorgebracht, den heut noch leuchtenden Stern am Ho- 
rizonte des vierzehnten Jahrhunderts ^) Geoffrey Chaucer, 
den «Vater der englischen Sprache und Dichtkunst 2).» 

Das Jahrhundert, in dem Chaucer lebte, war für 



Menge griecliisclier Gelehrten vor der Barbarei der Türken nach 
Italien. Die Ausgezeichnetsten unter diesen waren Manuel Chry- 
soloras, Johann Argyrophilus, Theodor von Gaza und der Cardinal 
Bessarion. Sie fanden bei den Medici in Florenz Schutz und 
halfen die vortrefflichen Köpfe heranbilden, welche in Italien 
während des 15. Jahrhunderts zum Vorschein kommen, als Leo- 
nardo Aretino, die Guarini,« Poggio von Florenz, Angelo Politiano 
u. A. m. 

vgl. Frid. Boerner, de doctis hominum Graecis literarum 
Graecarum in Italia restauratoribus cap. 22. 

*) Seine Zeitgenossen, sowie das spätere Geschlecht, haben 
seine Ansprüche auf derartige ehrende Epitheta rückhaltslos an- 
erkannt. John Lydgate (um 1420) nennt ihn den «chief poete of 
Bretayne,» den «lode Sterre» (star) der englischen Sprache, der 
die goldenen Thautropfen derselben zuerst geklärt und gereinigt 
habe. Thomas Occleve (ebenfalls um 1420) nennt ihn den «fynder 
ouf our fayre langage, Roger Ascham (um 1553; Erzieher der 
Königin Elisabeth) den Homer Englands, der um sein Vaterland 
mehr Verdienste habe, als selbst Sophocles und Euripides um 
Griechenland und Edmund Spenser (1553 — 1598, der Verfasser der 
«Faery Queen»), bezeichnet ihn als den «pure well-head of poetry» 
und den «well of English indefiled». 

vgl. Robert Bell «Poetical works of G. Chaucer,» Bd. I, 
Introduction S. 39. 

2) Pauli «Geschichte von England,» 1855. Bd. IV, S. 715. 



17 

England eine Zeit ungeregelter Kraft und Grösse, aber 
auch ein Zeitalter kräftigster Verwirrung. Man schritt vor- 
wärts und schritt rückwärts. Mancherlei Keime des 
Guten und Schönen wurden ausgestreut, viele derselben 
trugen jetzt oder später reichliche Früchte, aber auch 
nicht wenige arteten im Drange der Zeit in Unkraut aus. 

Derartige Gährungs-Prozesse treten in allen jenen 
Perioden zu Tage, welche auf der Grenzscheide zweier 
Epochen der Weltgeschichte stehen und zugleich den 
Untergang der einen und das Werden der andern ent- 
halten ^). 

Während die Regierung Eduard's II. ziemlich ruhmlos 
verläuft, wirft der Nachfolger desselben, Eduard III., 
Frankreich bei Crecy und Poitiers in den Staub, und 
mächtig scholl der Siegesjubel durch die Insel. 

Die erste Hälfte des Jahrhunderts ist arm an Lite- 
ratur 2). William Occam (1300— 1347) der letzte 3) und 



^) Falke «Geschichte des modernen Geschmacks». Lpz. 1866. 
Th. I, Abschnitt im Anfange. 

^) Schottky «Leitfaden der engl. Literatur nach Spalding's 
Gesch. d. engl. Literatur.» Bresl. 1854. S. 3. 

^) Auf folgende eindringliche Weise betrauert gegen das 
Ende des 14. Jahrhunderts ein treuer Anhänger der scholastischen 
Philosophie den Verfall derselben auf englischen Schulen und 
namentlich auf der zu Oxford: «Diese sinnreiche Logik,» ruft er 
aus, «diese herrliche Philosophie, welche unsere Mutter, die Uni- 
versität zu Oxford, so berühmt machte in der ganzen Welt, ist 
jetzt in unsern Schulen beinahe erloschen. Wie Indien sich vor 
Alters seiner köstlichen Steine rühmte und Arabien stolz war auf 
sein Gold, so rühmte sich die Universität zu Oxford ihrer Logiker 
und der bewunderungswerthen Schätze ihrer tiefen Philosophie. 
Aber ach! ach! mit Schmerz sage ich es, sie ist jetzt kaum mehr 
im Stande, den Staub der Unwissenheit und des Irrthums von 
ihrem Angesichte abzuwischen.» 

vgl. Wood, Eist. Oxen. L. II, S. 6. 

2 



18 



grösste von Englands scholastischen Philosophen ^), war 
im Auslände erzogen , lebte meist in Frankreich und 
starb in München, von der Geistlichheit vielfach als 
Ketzer verfolgt 2). 

Jene Zeit v^ar für das Papstthum verhängnissvoll. 

Das System des Terrorismus, welches Bonifaz VIII. 
und Johann XXII. durchführten und mit dessen Hilfe 
sie das wankende Ansehn der Kirche zu stützen ge- 
dachten, blieb gänzlich wirkungslos. Aber trotz der 
mannigfachen Angriffe, welche die Hierarchie jetzt er- 
dulden musste, lastete dennoch die Hand des Papstes 
immer noch schwer auf den Völkern Europas. Die 
Grundsäulen des Papstthums waren eben zu fest gebaut, 
als dass der erste beste Windstoss sie hätte erschüttern 
können. Durch den aufsässigen Adel Rom's — ich nenne 
den Namen Nicolas Gabrini genannt Rienzi, von dessen 
Stellung zum Papstthum neuerdings Pirazzi eine gute 
Charakteristik gegeben ^) — , während ihres unfreiwilligen 
Aufenthaltes zu Avignon eines Theiles der Kirchengüter 
beraubt ^), ersannen die Päpste zur Füllung ihrer Kasse ^) 



^) «Er führte als Scholastiker den fürchterlich gelehrten 
Titel: Doctor singularis, invincibilis, inceptor venerabilis.» 

Bougine a. a. 0. Th. I, S. 538. 

^) Nach Höfler («Die Avignonensischen Päpste, ihre Macht- 
fülle und ihr Untergang.» Wien 1871. S. 37.) machte er zuletzt 
Frieden mit dem römischen Stuhl. «Die gewaltigen Himmels- 
stürmer, die alle Schätze der damaligen Wissenschaften in den 
Kampf geführt, zogen sich einer nach dem andern zurück.» 

^) vgl. Stimmen des Mittelalters wider die Päpste. 1872. 
S. 24 u. ff. 

*) «Erst durch die hinterlistige Politik Alexanders VI. und 
durch die wachsame Thätigkeit Julius IL gelang es den Päpsten, 
den grossen Nachtheil wieder gut zu machen, den der Aufenthalt 
zu Avignon ihrer Territorialmacht zugefügt hatte.» 

vgl. C. W. Koch «Gemälde der Revolutionen in Europa», 
deutsch von Sander. Berl. 1807. Th. II, S. 10. 

*) Haas «Geschichte der Päpste. 1860. S. 442. 



19 



neue Gattungen von Indulgenzen, drückende Erpressungen 
von der Geistlichkeit unter demNamender Annaten, Expec- 
tanzen, Provisionen und Reservationen ^). Für Geld war Alles 
käuflich ^). Der römische Stuhl schien nur vorhanden, 
um Wunden zu schlagen, nicht zu heilen, die Verwirrung 
der Geister zu fördern und die Gläubigen selbst in stumme 
Verzweiflung zu setzen ^). Eine fürchterliche Höhe er- 
reichten diese Bedrückungen vornehmlich in England^), 

^) «Quum D. Johannes indigeret pecuniis pro necessitate ec- 
clesiae contra Bavarum, qui imperium occupaverat, fecit bullam 
per quam voluit, quod fructus omnium beneficiorum primi anni 
vacantium deberetur sibi usque ad triennium et hoc fuit Ponti- 
ficatus sui anno VI. 

Cod. Vatic. n. 5302; acta S. Pontificum, 
vgl. Höfler, a. a. 0. S. 40. 
^) Ueber die Dispensen Johanns XXII. machte man, als er 
die Ehe Karls IV. löste, weil dessen Schwiegermutter ihn aus 
der Taufe gehoben (Balluz II, S. 642) und den Schatzmeister 
desselben, Billenvait, die Erlaubniss zur Heirath mit einer Dame 
gab, die doppelt seine Commater war, folgendes beissende Epi- 
gramm : 

«A la cour du Pape couvait 
N'a pas este Billenvait 
Car par l'octroj du St. Pere 
A pris sa double commere 
Et du Roy par comperage 
A defaict le mariage.» 

vgl. Höfler a. a. 0. S. 39. 
3) Höfler a. a. 0. S. 40. 

*) Wichtig für das Verständniss der kirchlichen Verhältnisse 
in jener Zeit ist auch Nigellus Wireker's Satyre : Brunellus oder 
speculum stultarum, welche von witzigen Angriffen auf den rö- 
mischen Stuhl strotzte. Von Rom sagt er beispielsweise darin: 
Si Caput a capio, vel dixeris a capiendo, 
Tunc est ipsa caput, omnia namque capit, 
vom römischen Hofe: 

A summo capitis pariter pedis usque deorsum 
Ad plantam, sanum nil superesse reor. 

2* 



20 



und hier war es John Wicliffe ^) (1324—1384), Priester 
und Professor der Theologie zu Oxford, der zuerst mit 
den Worten Isidori Pelusiotae ^) und Gregorii Nazianzeni ^) 
den Kampf aufnahm ^), die Oberhoheit und Allgewalt des 
Papstes und sodann die römischen Dogmen heftig an- 
grifft). Theils durch die Schwäche der Gegner, theils 
durch mächtige Gönner geschützt, blieb er trotz Bann 



^) «Hehasbeen calledthe Morning Star of the Reformation.» 
Chambers «History of the engl, language.» Lond. S. 8. 

^) Licet enim etiam utiliter irasci cum id vel ob Dei gloriam 
fit, vel ob eos, quibus injuria infertur, vel ut proximi ad 
meliorem meutern revocentur. Lib. II, epist. 239. 

^) «Melior est contentio pietatis causa suscepta quam vitiosa 
concordia.» Orat. XII. 

*) Ein sehr verständlicher Abriss von Wicliffe's Lehre findet 
sich in Aeneas Sylvius «Hist. Bohem.» cap. 35 und in Herr- 
mann von derHardt «Acta concil. Constantin.» Th. II, S. 
153 u. 400. 

^) Mit welchem Freimuthe Wicliffe die Sitten der Geistlich- 
keit seiner Zeit schilderte, möge man aus folgendem, seinem 
Buche de Hypocrisi entnommenen Bruchstücke ersehen: 

Tanta erat hac aetate morum coruptio et peccandi licentia, 
ut Sacerdotes ac Monachi, praeter violatas virorum conjuges et 
moniales, virgines quasdam occiderent, concubitum eis denegantes. 
— Foeminis persuadebant aut earum plures, multo levius esse pec- 
catum cum illis coire, quam cum laicis : praeter eorum Sodomiam, 
quae omnem mensuram excessit: interim se se jactitantes, eas 
absolvere posse(!), et pro eorum peccatis responsuros esse semper: 
in maximis sceleribus eas nutriebant. Spoliatis etiam haeredibus 
veris, suos nothos et spurios mirum in modum ditabant. Mu- 
lierum complexiones et secreta ex libris disquirebant: docentes 
cum illis concumbere in absentiis maritorum, maxime esse contra 

varias aegritudines salubre. Carnem sie omnes votis oblitis 

nutriebant in desideriis etc. etc. 
Balei «Catalogus scriptorum Brittanniae.» I. c. p. 450 u. 475. 



21 



und Interdikt Priester ^). Kurz nach 1380 liefert er die 
erste vollständige englische Bibel-Uebersetzung auf Grund 
der lateinischen Yulgata ^). 

Auch die sehr interessanten «Visions of Piers 
Plowman ^)» (um 1362 von dem Mönche Robert Langland 



^) «Er versah ruhig sein Predigeramt zu Lutterworth und 
starb daselbst am Schlagfluss. Erst 1428 Hess S. Martin Y. seine 
unschuldigen Gebeine ausgraben und verbrennen, nachdem er 
die Ehre hatte, auf der heil. Synode zu Costniz nach löblichem 
Gebrauch christlich verdammt zu werden.» 

Bougine a. a. 0. Th. I, S. 540 u. 
Flögel «Geschichte der kom. Literatur,» Bd. II, S. 326. 

^) Seine Lehre fasste in England so tiefe Wurzeln, dass man 
1404 im Unterhause den Vorschlag machte, sich aller Kirchen- 
güter zu bemächtigen und sie als einen eisernen Fonds für die 
Staatsbedürfnisse — also als eine Art von Reichs-Kriegs-Schatz — 
zu bewahren. Nach einem anderen Plane, den das Unterhaus 
im Jahre 1410 entwarf, war die Rede davon, die Güter der Geist- 
lichkeit unter 15 neue Grafen, 1500 Ritter, 6200 Squires und 100 
Hospitäler zu vertheilen. 

vgl. Koch a. a. 0. Th. II, S. 12 Anmerkung. 

^) Der Plan dieser Satyre ist dieser : Ein Mann von niederem 
Stande , der sein Pater noster und Ave Maria weiss , will auch 
gern den Glauben lernen und bittet verschiedene Ordensgeist- 
liche, ihn hierin zu unterrichten. Zuerst kommt er zu einem Mi- 
noriten; dieser räth ihm, sich vor den unwissenden Carmelitern 
zu hüten, deren Fehler er mit hellen Farben schildert. Nur 
durch die Minoriten könne er, er möge den Glauben wissen oder 
nicht, selig werden. Nun geräth Peter Plowman in ein Benedik- 
tinerkloster und findet hier einen fetten Ordensbruder, der auf 
die Augustiner loszieht. Die Augustiner, zu denen er nachher 
gelangt, schimpfen ihrerseits auf die Minoriten u. s. f. Endlich 
verlässt er die Mönche, kommt zu einem armen Bauern auf's Land 
und erzählt ihm seine Unterredung mit den Mönchen, worauf 
beide das Gedicht mit einer langen Invective gegen die Mönche 
beschliessen. 

vgl. Warton, «bist. of. Engl, poetry», II, Abschn. 9. 



22 



verfasst) meist gegen die Laster der Geistlichkeit ge- 
richtet, sind von tief einschneidender Wirkung auf die 
religiösen und socialen Umwälzungen der späteren Zeit. 

Das allerälteste Buch in englischer Prosa, reich an 
Fabeln und treuer Beobachtung, ist Sir John Mandeville's 
Bericht über seine vieljährigen Reisen im Orient. 

In mancher Beziehung wichtig ist sodann John Gower 
(geb. 1324 zu Kent ^), ein begüterter Mann von adlicher 
Abkunft, der langjährige treue Freund Chaucer's. In 
jüngeren Jahren besang er nach dem Vorbilde gleich- 
zeitiger Dichter des Festlandes die Liebe in französischen 
Balladen, deren sehr einfach gebaute Strophen artig und 
zart genug klingen, aber doch sehr den Stempel eines 
künstlichen Machwerkes an sich tragen ^). Einmal gesteht 
er sogar naiver Weise, dass er Engländer sei und bittet, 
man wolle deshalb mit seinem Französisch nicht zu streng 
in's Gericht gehen ^). Dann versucht er sich in einem 
langen, schwerfälligen Gedicht in lateinischen Distichen. 
Es ist dies die «Vox clamantis», welche unter S^em Ein- 
drucke des während Richards IL Regierung entbrannten 
Bauernkrieges geschrieben, in allegorischer Weise die 
Noth der Zeit behandelt. Am wichtigsten ist sein eng- 
lisches Gedicht, die «Confessio amantis^).» 



*) Nach Caxton wurde er zu Wales geboren. 

vgl. Bell a. a. 0. I, S. 24. 
2) Pauli a. a. 0. Band IV, S. 407. 
^) AI Universite de tout le monde 
Johan Grower ceste bailade envoie 
Et si jeo nai de fran9ois la faconde 
Pardon etz moi, qe jeo de ceo fors Voie 

Jeo suis Englois etc. 

Ballades ond other poems by John Gower nach einem M. S. 
im Besitz des Marquis of Stafford. 

vgl. Pauli a. a. 0. Bd. IV, S. 707. 
*) Es ist dies die seltsamste Mischung der classischen Ge- 



23 



Die Bedeutung Gower*s hat Chaucer sehr richtig be- 
zeichnet ; er nennt ihn wegen seiner entschieden sittlichen 
Tendenz den «moralischen Grower ^)», als welcher er denn 



staltungen Ovid's mit eigenthümlich mittelalterliclien Ideen. 
Einem schmaclitend Liebenden wird von der Venus ihr Priester 
Genius zugeschickt, damit er seine Beichte höre und ihm Absolution 
ertheile. Dabei werden denn alle Tugenden und Laster der 
Reihe nach durchgenommen und dem Liebenden alte und neue 
Geschichten als Muster und Warnung erzählt, zu denen die Bibel, 
Ovid, die mittelalterlichen Gedichte vom trojanischen Kriege, von 
Alexander dem Grossen, die gesta Romanorum, Gottfried von Vi- 
terbo, aber auch neuere Bücher, wie das Leben Bonifaz VIII. den 
Stoff haben liefern müssen. Ausserdem lässt sich der Beichtvater 
auf alles Mögliche ein, erläutert die geheimnissvolle Kunst des 
Almagest, die ganze Lehre des Aristoteles, wie sie von den Scho- 
lastikern vorgetragen wurde und bringt überhaupt mit geringem 
poetischen Talente eine umfangreiche Encyclopädie mittelalter- 
licher Belesenheit zu Stande. Endlich ist die Beichte vollendet 
und Venus entlässt den Liebenden mit dem als Schlussmoral für 
das Ganze sehr guten Rathe, in seinen alten Tagen dergleichen 
Thorheiten aufzugeben und das Herz von den eitlen Dingen der 
Welt hinweg, den höheren, ewigen Dingen zuzukehren. 

vgL Pauli a. a. 0. IV, S. 708 u. ff. 
^) «0 morall Gower this booke J direct 
To thee and the philosophical Strode, 
Tg vouchsafe there need is te correct 
Of your benignities and zeales good.» 

Widmung am Ende von «Troilus and Creseide.» 
Pickering ed. 1845. V, 172. 
«Der Zusammenhang verbietet auch nur den leisesten Anflug 
von Ironie in dem Attribut «morall» zu suchen.» 

vgl. Hertz berg «die Canterbury Tales» in d. Einleit. S. 58. 
Der «philosophical Strode» ist uns durchaus unbekannt ge- 
blieben. Ein heftiger Gegner Wicliffe's, soll er sich unter den Ge- 
lehrten, welche Oxford im 14. Jahrhundert besass, durch philo- 
sophische Bildung und auch als Dichter rühmlichst ausgezeichnet 
haben. 



24 

auch in seiner allegorisch - didaktischen Dichtung im 
15. und 16. Jahrhundert einen ungeheuren Anklang ge- 
funden hat. Seine englischen Gedichte durchweht ein 
so inniges Gefühl, sie besitzen eine so leicht und unge- 
künstelt dahinfliessende Ausdrucksweise, dass er seine 
Nachfolger im 15. Jahrhundert in dieser Beziehung weit 
hinter sich zurücklässt. Vierzig Jahre hindurch lebte 
er mit Chaucer in ungetrübter Freundschaft und erst 
am Abend ihres Lebens erlitt dieselbe einen unheilbaren 
Bruch. Warum? Niemand kann es mit Bestimmtheit 
sagen ^)! Ahnte vielleicht Gower, dass seine nicht ge- 
ringen Verdienste ^) durch Chaucer' s Ruhm einstmals 
würden verdunkelt werden? — — — 



*) Chaucer soll sich in dem Prolog zur «Man of Lawes Tale» 
(nach Breyer's «Leben Chaucer's» S. 83 ist Y. 4497 u. ff. der Can- 
terbury Tales gemeint) unzarte Anzüglichkeiten auf Gower's 
Privatleben erlaubt haben, was diesen wiederum veranlasst hätte, 
die Complimente, welche er im Epiloge der «Confessio» die Venus 
an Chaucer richten lässt, in späteren Manuscripten wieder zu 
streichen. vgl. Bell a. a. 0. vol. II, S. 9. 

^) Gower's Werke sind: 

1) 50 Balladen in französischer Sprache. 2) Speculum medi- 
tantis, ebenfalls französisch. 3) Confessio amantis, englisch. In 
lateinischer Sprache sodann: 4) Vox clamantis. 5) Chronica 
Triptertita Johannis Gower de Depositione Richardi II et Coro- 
natione Henrici IV. 6) Encomion Henrici IV. 7) Contra Dae- 
monis Astutiam in causa Lollardiae. 8) De virtutibus regis ad 
Henricum IV. 9) De vitiorum pestilentiae sub Richardo II. 
10) Contra mentis saevitiam in causa superbiae. 11) Contra 
carnis lasciviam in causa concupiscentiae. 12) Contra mundi fal- 
laciam in causa perjurii et avaritiae. 13) De lucis scrutinio contra 
tenebras vitiorum. 14) Poemata varia Johannis Gower («Liber 
ut videtur ipsius autoris»). 

Vgl. Shaw-Smith «A history of engl, literature.* 1870. S. 80: 
«It is very curious, as an example of the contemporary 
existence of the French, the Latin, an the vernacular lite- 



25 



Vor allen grossen Männern — und einzelnen Aus- 
nahmen, wie Julius Caesar ^), sind niclit im Stande , die 
ganze Regel umzustossen — gilt es, was der Dichter von 
Roland sagt, dass dieser nämlich stets williger gewesen 
sei, schöne Thaten zu vollbringen, als sie zu beschreiben 
und dass dieserhalb niemals eine von seinen Handlungen 
bekannt geworden wäre, wenn nicht die Augenzeugen 
derselben sie berichtet hätten ^) ; auf sie findet Sallust's 
schöner Vergleich Anwendung: «Je besser einer ist, desto 
mehr zieht er die That der Rede vor, desto lieber will 
er seine Thaten von Anderen gelobt sehen, als Anderer 
Thaten loben ^).» 

Dieser Gedanke mag wohl auch dem grossen Alexander 



rature at tliis period in England, that the three parts of 

Gower's immense work should have been composed in three 

different languages: the «Vox clamantis» in Latin, the 

«Speculum meditantib» in Norman French and the «Con- 

fessio amantis» in English.» 

^) «Der Wahrheit ist Caesar, so weit wir es selbst bei 

strengster Kritik zu beurtheilen vermögen, allerdings stets treu 

geblieben. In der ganzen Erzählung vom siehenj ährigen Kriege 

lässt sich Caesar absolut keine Lüge nachweisen; aber freilich 

nichts destoweniger ist die Tendenz für den tiefer Blickenden 

deutlich erkennbar, und die scheinbare Objectivität ist vielleicht 

nur das glänzendste Beispiel für jenen Satz, dass die höchste 

Aufgabe der Kunst ist, die Kunst zu verhüllen und Natur zu 

scheinen — — — er hat die Kunst des Verschweigens mit 

meisterhafter Geschicklichkeit geübt.» 

vgL Köchly «Caesar und die Gallier.» 1871. S. 32. 

2) 

Perche Orlando far l'opre virtuose 
Piü ch'a narrorle poi sempre era pronto! 
Ne mai fü alcun' de suci fatti espresao, 
Se non quando hebbe i testimonii apresso! 

Ariosto Cant. XI, 81. Stanze. 
^) De conjur. Catilinae. Cap. VIII. 



26 



vorgescliwebt haben, als er beim Grabe des Achilles das 
Schicksal dieses Helden pries, der nicht nur die herr- 
lichsten Thaten vollbringen durfte, sondern dem es auch 
vergönnt war, in Homer den besten Verkündiger seiner 
Tapferkeit zu findan. Er giebt uns zu verstehen, dass 
viele ruhmeswerthe Männer nur deshalb der ewigen Ver- 
gessenheit anheimgefallen sind ^), weil ihnen kein Dichter 
oder Geschichtsschreiber erstanden war, der die Schil- 
derung ihrer Thaten dem Andenken der Nachwelt hätte 
überliefern können ^). 

Es lebten Helden, eh' ein Atride war ! 
Doch alle liegen, weil sie geweiheter 
Verkündigung mangeln, unbeweinet 
Ruhmlos in ewiger Nacht begraben! — 



^) Ebenso ergeht es auch ganzen Nationen. Denn wenn es 
auch selbstredend kein Volk giebt, welches — strictly speaking 
— nicht seine Geschichte hätte, so hat manches doch der grossen 
Historiographen entbehren müssen. 

vgl. Hölzke «Hume and Macaulay». Halle 1862. S. 1. 

Auch die Römer konnten, als die ganze Welt zu ihren Füssen 
lag, keinen Geschichtsschreiber auftreiben: vgl. Cicero «de le- 
gibus» lib. I, Cap. 2. Atticus zum Marcus: — — abest enim 
historia litteris nostris — — . 

^) Vgl. Herbar t's Rede an Kant's Geburtstage, d. 22. April 
1823 (Reicke und Wiehert, Altpreuss. Monatsschrift. 1865. S. 245). 
Er schildert, wie Cicero, das Grabmal des grossen Archimedes, 
welches die Syracusaner gänzlich vergessen hatten, nach vieler 
Mühe auffindet: «So schlecht,» ruft er aus, «erhält sich das An- 
denken an grosse Männer, wenn es nicht sorgsam bewahrt wird ! 
So wenig leisten todte Monumente, wenn keine lebendige Rede 
dem eingehauenen Buchstaben zu Hülfe kommt!» Er schildert 
den ewigen Wechsel der Zeiten, der Sorgen, der Meinungen, der 
Herren und Diener, dem auch die Sprache sich unterwerfe, «und 
der Schriftsteller, den heute noch jeder versteht, bedarf vielleicht 
schon nach hundert Jahren eines Kommentars.» 



27 



Ruhmrednerei und wahre Grösse gehen nie und 
nimmer Hand in Hand miteinander, und da ausserdem 
auf die Stimme des Propheten im eigenen Lande be- 
kanntermassen nur äusserst selten geachtet wird, und 
die Zeitgenossen nur ausnahmsweise einmal einen ihrer 
grossen Männer schon bei Lebzeiten honoriren ^) , so 
darf es uns nicht wundern, dass uns über die äusseren 
Lebensverhältnisse so vieler hervorragender Persönlich- 
keiten alle näheren Angaben fehlen. 

Und so ist auch das, was wir über Chaucer's äussere 
Lebensumstände wissen, halb Hypothese, halb Combina- 
tion ^), und auch um letztere würde es nicht zum besten 
bestellt sein, wenn der Dichter nicht selbst in versteckten 
Anspielungen ^), die er seinen Werken hie und da ein- 
gestreut, Streiflichter auf sein Privatleben fallen Hesse *). 



^) Göthe, der doch am allerwenigsten über «Verkennung» 
von Seiten seiner Zeitgenossen zu klagen hatte, hat diese cha- 
rakteristische Eigenthümlichkeit des Menschengeschlechts wie- 
derum am schärfsten gezeichnet. Vgl. West.-östl. Divan Rendsch 
Nameh, Buch des Unmuths: 

Befindet sich Einer heiter und gut, 
Grleich will ihn der Nachbar peinigen, 
So lange der Tüchtige lebt und thut 
Möchten sie ihn gerne steinigen; 
Ist er hinterher aber todt, 
Gleich sammeln sie grosse Spenden, 
Zu Ehren seiner Lebensnoth 
Ein Denkmal zu vollenden. 
2) Bell a. a. 0. S. 9, Bd. 1. 

') Am zahlreichsten finden sich dieselben in «The court of 
love» und «the testament of love.» 

*) Chaucer's Hauptbiographen sind: Leland, Speght 1538, 
Urry 1721, Tyrwhitt 1775—1778, Godwin 1804, Nicolas 1845 u. 
Bell 1854. Die ersten drei sind gänzlich unverlässig. Leland, 
welcher Chaucer's Zeit am nächsten steht , wimmelt von Irrthü- 



28 

Die Abstammung, die Geburt und die Erziehung 
Geoffrey Chaucer's sind in Dunkel gehüllt. Einer Ueber- 
lieferung zufolge, deren Ursprung nicht zu ergründen ist^), 
wurde er im Jahre 1328 geboren. Mit dieser Annahme 
stimmt auch die Inschrift auf dem Grabmale ^) Chaucer's, 
welches Nicholas Brigham, ein wohl erzogener, gebil- 
deter Mann errichtete, überein, nach welcher er im Jahre 
1400 im Alter von 72 Jahren gestorben sei ^). 



mern, Speght verliert sich in Vermuthungen , die zum grössten 
Theil jeglichen Rückhaltes entbehren und Urry, dem mannigfache 
Mängel in der Darstellung anhaften, lügt dergestalt, dass seine 
Arbeit hierdurch völlig werthlos wird. Tyrwhitt war der erste, 
der die Biographie auf die wenigen historischen Thatsachen zu- 
rückführte, deren Wahrheit sich durch unanfechtbare Dokumente 
in hinreichender Weise erhärten Hess und der alles Uebrige bei 
Seite warf. William Godwin bringt sodann einige neue Einzeln- 
heiten , doch ist sein sehr umfangreiches Werk — es existirt 
davon im Deutschen eine Art Auszug in selbstständiger Bearbei- 
tung von Breyer, Jena 1812 — zu sehr mit Hypothesen belastet, 
als dass es mit voller Sicherheit zu Rathe gezogen werden könnte. 
Nicolas' Arbeit dagegen ist ungemein genau , sorgfältig und 
durchaus wahrheitsgetreu. Auch hält er sich streng an die 
Thatsachen und bringt, dank einer langjährigen, mühsamen 
Durchforschung englischer Archive , manches Neue , was seinen 
Vorgängern bis dahin entgangen war. Beils lichtvolle Darstel- 
lung beruht zum grossenTheil aufNicolas' Arbeit; Uebersichtlichkeit 
und Kürze sind ihre Hauptvorzüge. In Deutschland hat neuer- 
dings Professor Wilhelm Hertzberg in Bremen (vgl. seine vor- 
treffliche Uebersetzung der «Canterbury Tales,» Hildburgh. 1871) 
Chaucer's Leben zum Gegenstand einer eingehenden Untersuchung 
gemacht. 

') Bell a. a. 0. I, S. 10. 

2) Nach Sir H. Nicolas (vgl. Hertzberg a. a. 0. S. 19) ist das 
betreffende Epithaph nicht auf dem eigentlichen Grabmal, sondern 
vielmehr auf der Hinterwand der Gruftnische angebracht. 

^) Dass Chaucer in sehr hohem Alter gestorben, ist durch 
glaubwürdige Zeugnisse festgestellt. So spricht im Jahre 1392 



29 



Nacli einer Stelle im «the testament of love» ist 
London der Ort seiner Geburt ^), doch ist diese Angabe 
keineswegs über jeden Zweifel erhaben. Ueber seine Fa- 
milie wissen wir so gut wie nichts. Personen mit dem 
Namen Chaucer^) kommen allerdings bereits im Anfang 
des 14. Jahrhunderts in England vor , doch wäre es 
wohl sehr gewagt, auf ein Verwandtschaftsverhältniss 
derselben mit unserm Dichter schliessen zu wollen. 
Leland, der erste Biograph versichert, dass er von vor- 
nehmer Abkunft sei. Speght dagegen hält ihn für den 
Sohn eines wohlhabenden Weinhändlers, der all sein 
Vermögen späterhin der Kirche vermacht habe. Nach 
Pitt war er der Sohn eines Ritters, nach Hearn der eines 



Gower von ihm als von einem Manne, der sich jetzt in seinen 
«alten Tagen» befinde: 

For thy, now in his daye's olde, 
Thou shall hym teilen his message, 
That he upon his latter age 
To sette an ende of all his werke .... 
To make his «testament of love» (in d. «Confessio 
amantis»). 
Occleve redet ihn mit den Worten an «0 maister deere and 
fadir reverent,» Ausdrücke, die, wie Sir Harris Nicolas sagt, von 
jeher gebrauclit wurden, um die Achtung vor dem Alter und 
vor der geistigen Ueberlegenheit anzudeuten. 

vgl. Bell a. a. 0. I, S. 10 Anmerkung. 
^) Also the citye of London, that is to me so dere and swete, 
in which J was forth growen, and more kindely love have J to 
thaf^place than to any other in yertli as every kindly creature 
hath füll appetite to that place of his kindly engendrure. 

«Test, of love» book I, § 5. 
^) Nach Urry ist der Name — er kommt verschieden als 
Chaucer, Chaucieres, Chaussier, Chausir vor — ursprünglich fran- 
zösisch und bedeutet einen Schuhmacher, faiseur de chausses oder 
culottier. 



30 



Kaufmanns, und ürry behauptet, dass ein John Chaucer, 
welcher Eduard III. nach Flandern und Cöln begleitete, 
sein Vater gewesen sei ^). Jedenfalls erhielt er eine ganz 
vortreffliche Erziehung, und man kann wohl annehmen, 
dass er aus einer begüterten Familie stammt ^). 

Zufolge einer Anspielung in «the Court of Love^)» 
glaubt man, dass Chaucer zu Cambridge erzogen worden 
sei, Lei and aber ist der Ansicht, dass er die Universität 
Oxford besucht und seine Studien sodann zu Paris voll- 
endet habe. Vielleicht hat er auch wirklich, wie spätere 
Biographen annehmen , beide Universitäten besucht. 
Wenigstens sind solche Fälle auch in jenen Zeiten schon 
vorgekommen"^). Unter welchen Verhältnissen und an 
welchem Orte Chaucer auch immer studirte — seine 
Werke zeigen durchweg den aussergewöhnlichen Umfang 
seiner Kenntnisse. In der Theologie, in der Philosophie 
und der Scholastik seines Zeitalters, sowie in der Astronomie 
war er gleich wohl bewandert. 

Die erste authentische Nachricht über Chaucer datirt 
aus dem Jahre 1359^), in welchem er seiner eigenen 
Aussage gemäss unter Edward III. am Feldzuge gegen 
Frankreich theilnahm und bei dieser Gelegenheit gefangen 
genommen wurde. Er war zu jener Zeit von schöner 
und stattlicher Leibesbeschaffenheit, besass rothe und 



') Bell a. a. 0., L, S. 12. 
2) Ebd. 



3) «My name, alas! my hearte why makes thou straunge, 
Philogonet J caU'd am fer and nere 

Of Cambridge clerke » v. 912 u. ff. 

*) Bell a. a. 0., L, S. 12 u. 13. 

^) Während der Jahre 1356—1359 soll er — wahrscheinlich 
als Page — im Dienste der verwittweten Herzogin von Clarence 
gestanden haben. Vgl. Shaw a. a. 0., S. 32. 



31 



volle Lippen, eine recht proportionale Grösse und eine 
ebenso anmuthige wie majestätische Haltung^). 

Wenn Chaucer wieder nach England zurückkehrte, 
ist unbestimmt. Wahrscheinlich wurde er im Frieden 
zu Chartres 1360 ausgelöst. Wir wissen nur, dass er 
sich in diesem Jahre mit Philippa Roet, einer Hofdame 
der Königin vermählte. Er kam dadurch mit dem Herzog 
von Lancaster, John of Gaunt, in Verbindung, bei dessen 
erster Gemahlin die Schwester^) der Philippa als Gesell- 
schafterin lebte. Für Chaucer war diese Verbindung, 
wie sich in der Folge zeigen wird, von der schwer- 
wiegendsten Bedeutung. 

Im Jahre 1367 wurde er zum «Valet of the King's 
Chamber» ernannt und erhielt kurze Zeit darauf eine 
lebenslängliche Leibrente von 20 Pfd. mit dem Titel 
«dilectus valettus^) noster,» was nach Seiden einen jungen 
Adlichen vor dem Ritterschlage bedeutet^). Im Sommer 
des Jahres 1370 scheint Chaucer im Dienste des Königs 



^) Diese Beschreibung rührt von Urry her, der 1721 ein 
Portrait Chaucer's, damals im Besitz eines George Greenwod be- 
findlich, gesehen haben will. Vgl. Bell a. a. 0., L, 15. 

^) Sie hiess Katharina, wurde später die Geliebte und wenn 
ich nicht irre, in der Folge die zweite Gemahlin des Herzogs. 

^) «Valettus» ist vermuthlich aus dem lateinischen Vassalettus, 
dem Diminutiv von Vasallus entstanden. 

*) In ähnlicher Weise definirt Ducange (vgl. Breyer-Chaucer, 
S. 144) diesen Ausdruck: magnatis filius, qui necdum militare 
cingulum erat consecutus. Damit stimmt auch nachstehende 
Stelle eines altfranzösischen Rittergedichtes — Roman d'Ipomedon 
— überein: 

»II ot un fiz de sa mulier 
Ki neit pas uncore chivaler, 
Vallet esteit et beaus et gent» 
Vgl. Tyrwitt in der Routledge-Edition der »Canterbury- 
Tales» 1869, S. 27. 



32 



England verlassen zu liaben; sicher ist's, dass er zwei 
Jahre später im Winter 1372 einer Gesandtschaft nach 
Genua, welche commerzielle Beziehungen zwischen Eng- 
land und dieser Republik zu regeln hatte, als «Scutifer^) 
noster» zugetheilt wurde. 

Nach den sorgsamen Forschungen Sir Harris Nicolas 
besuchte er bei dieser Gelegenheit Florenz und kehrte 
nach England jedenfalls vor dem 22. November 1373 
zurück, an welchem Tage er aufgefundenen Urkunden 
zufolge sein Gehalt persönlich in Empfang genommen 
hat^). Dass er v^ährend seines Aufenthaltes in Italien 
Petrarca's Bekanntschaft machte, ist eine Annahme, 
welche sich vornehmlich auf eine Stelle in den «Canter- 
bury Tales» stützt^). 

Es ist in der That mehr als wahrscheinlich, dass 
dieser Besuch wirklich stattgefunden hat. Während 
Chaucer sich in Florenz aufhielt, lebte Petrarca auf dem 
kleinen Landsitze Arqua^) nahe bei Padua, und es ist 
durchaus nicht zu ersehen, was eigentlich Chaucer von 
einem solchen Besuche hätte abhalten sollen^), ich glaube 



^) «Scutifer,» das heutige Squier, und Armiger sind gleich- 
bedeutend mit dem französischen Escuier. 

2) Bell a. a. 0., L, S. 17. 

^) Vgl. V. 7903 und ff. im Prologe zu der Erzählung des 
Studenten; derselbe sagt ^ an diesem Orte, dass er die Geschichte 
der Griselda von einem «worthy clerk» zu Padua «Fraunceis 
Petrark, the laureat ppet» gehört habe. (Petrarca's «Griselda» 
ist eine lateinische üebersetzung der gleichnamigen Erzählung 
am Schlüsse des «Decamerone;» giornata decima novella decima.) 

*) Er hatte denselben 1364 von Franz von Carrara zum Ge- 
schenk erhalten und starb auch daselbst am 18. Juli 1374 an der 
Auszehrung. 

^) Speght glaubt, dass Beide bei der Vermählung des 
Herzogs von Clarence zu Mailand zusammengetroffen seien; doch 
bringt er für diese Annahme keinerlei Beweis. 



33 



im Gegentheil, dass ihm, der sich damals schon mit Erfolg 
als Dichter versucht hatte, eine derartige Zusammenkunft 
im höchsten Grade erwünscht gewesen sein muss. Dem 
Besuche bei Petrarca mag Chaucer denn auch die erste 
Bekanntschaft mit den Werken des Boccaccio verdanken^). 
Der nächste Vermerk über Chaucer findet sich in einem 
Documente vom 23. April 1374, nach welchem ihm das 
Amt eines «pitcher of wine daily» übertragen wurde; 
kurz darauf erhielt er die Ernennung zum «comp troller 
of the customs in the port of London» unter der aus- 
drücklichen Voraussetzung, dass er die damit verbundenen 
schriftlichen Arbeiten eigenhändig erledige, stets auf dem 
Platze sei und überhaupt allen seinen Pflichten persön- 
lich nachkomme^). Zur selben Zeit wird die Pension, 
welche John of Gaunt, Herzog von Lancaster, zwei Jahre 



^) Nach Flögel (Gescb. d. kom. Literatur II, 329) hat er auch 
die persönliche Bekanntschaft Boccaccio's gemacht: «In Italien 
lernte er den Petrarca und Boccaccio kennen und da er zugleich 
die italienische und provenzalische Sprache erlernte, so half ihm 
dies die bisherige steife Rauhigkeit seiner Muttersprache ver- 
bessern. 

^) «So that the said Geoffrey write with his own hand his 
roUs touching the said office, and continually reside there, and 
do and execute all things pertaining to the said office in his 
own person and not by his Substitute.» 

Vgl. Tyrwitt a. a. 0., S. 27. 

«Das klingt allerdings sehr prosaisch, aber man mache darum 
dem guten und glorreichen König nicht von neuem den Vorwurf, 
dass er nicht geahnt habe, was sich für den Dichter, den grössten 
Dichter seines Jahrhunderts passe. Es bedarf nicht einmal der 
Entschuldigung, dass Edward III., der sein lebelang nur franzö- 
sisch sprach, ebenso wenig Notiz von der werdenden Poesie 
Englands zu nehmen Veranlassung hatte, als Friedrich der Grosse 
seiner Zeit von der deutschen.» 

Hertzberg a. a. 0., S. 29. 
3 



34 



vorher der Philippa Chaucer ausgesetzt, in ein JaTirgehalt 
für beide Ehegatten convertirt, dessen Niessbrauch dem 
überlebenden Theile auf Lebenszeit zugesichert wurde. 
Im Jahre 1375 erhält Chaucer die Bestallung zum Curator 
der Edmond Staplegate'schen Nachlassmasse. Bald nach- 
her finden wir ihn bei zwei geheimen Gesandtschaften 
thätig und zwar 1376 im Gefolge (comitiva) Sir John 
Burley's und 1377 als Begleiter Sir Thomas Parey's, des 
nachmaligen Earl of Worcester^). Im Jahre 1378 ging 
er mit Sir Guichard D'Angel nach Prankreich und im 
Mai desselben Jahres mit Sir Edward Berkely nach 
Italien. Während der Dauer seiner diplomatischen Thätig- 
keit, für welche er regelmässige Besoldung empfing, durfte 
er sein Amt als «comptroller of the customs» beibe- 
halten ; er hatte jedenfalls eine königliche Vollmacht er- 
langt, sich Stellvertreter substituiren zu dürfen ; zu solchen 
wählte er seinen Freund Gower und späterhin einen ge- 
wissen Richard Forrester. 

1379 kam Chaucer wieder nach England zurück und 
man weiss bis zum Jahre 1382, in welchem er als Neben- 
amt noch die Stelle eines «comptr ollers of the petty 
customs» erhielt, nichts weiter von ihm, als dass er seine 
Revenuen entweder persönlich oder mittelst Quittung 
einzogt). Wir wissen ferner, dass er im November 1384 
zur Regelung seiner Privatangelegenheiten einen vier- 
wöchentlichen Urlaub erhielt und endlich im Februar 



^) Der Zweck der ersten Mission ist unbekannt. Die Un- 
richtigkeit der Angabe Froissart's, nach welcher es sich um ein 
Heirathsprojekt zwischen Richard, Prinzen von "Wales, und Mary, 
der Tochter des Königs von Frankreich handelte, hat Nicolas 
ausführlich nachgewiesen. Vgl. Bell a. a. 0., L, S. 23. Die 
zweite Reise hatte Flandern zum Ziel. 

2) Bell a. a. 0., L, S. 24. 



35 



des nächsten Jahres der ungemein lästigen Pflicht, seinem 
Amte stets persönlich vorzustehen, enthoben wurde, indem 
ihm der König einen dauernden Vertreter zu engagiren 
gestattete. Nun durfte er in voller Freiheit seinen 
Neigungen folgen. Zunächst wandte er sich der Politik 
zu und liess sich von der Grafschaft Kent in das am 
1. Oktober 1386 zu Westminster zusammentretende Par- 
lament wählen. Er trat in das Unterhaus einzig und 
allein, um die Minister, welche die Sache seines Freundes 
und Gönners, des Herzogs von Lancaster, verfochten, zu 
unterstützen. Das Parlament tagte kaum einen Monat 
und setzte den Bestrebungen der Regierung eine leiden- 
schaftliche und unbeugsame Opposition entgegen. Chaucer 
fand zwar wenig Gelegenheit, seinen Eifer für den Herzog 
zu bethätigen, doch genügte seine allbekannte Anhäng- 
lichkeit für die Sache desselben , um ihm den ganzen 
Hass der Gegner^), welche bald nachher die Gunst des 
Königs errangen, zuzuziehen. Diesem Umstände schreibt 
man seine im December 1386 erfolgte Amtsentlassung 
zu. Man setzte ausserdem eine Commission nieder, welche 
seine Amtsthätigkeit untersuchen musste, doch scheint 
dieselbe nichts Straffälliges entdeckt zu haben. 

Der Verlust dieser Aemter zerrüttete Chaucer's Ver- 
mögensverhältnisse dergestalt, dass er eine Zeit lang 
bittern Mangel litt^). Doch brachte der Sturz Thomas 



^) «Thy factions, in their worse than civil war, 
Proscribed the bard wliose name far eyermore 
Their Children's Children would in vain adore 
With. the remorse of ages.» 

Childe Harold. 
^) Im «testament of love» nennt er selbst den Verlust seiner 
Aemter den grössten Scbicksalssclilag , welcher ihn getroffen; 
er beklagt es «being berafte out of dignitie of office, in which 

3* 



36 



of Woodstock's, des Onkels Richards IL und des Kanzlers 
Walsingham im Mai 1389 die politischen Freunde Chaucer's, 
darunter den Sohn des Herzogs von Lancaster, wieder 
an's Ruder und diese beeilten sich, Chaucer's Treue zu 
belohnen. Im Juli 1389 wurde er zum Aufseher der 
königlichen Bauten ernannt, aber bereits im Jahre 1391 
trat er aus unbekannten Gründen wieder von dieser Stellung 
zurück. 

Jetzt folgt eine grosse Lücke in seiner Biographie. 
Nach Godwin hielt er sich nun in Woodstock ^) auf und 
schrieb dort die «Conclusions of the astrolabe,» welche 
er seinem Sohne, dem «little Lewis» 2) widmete. Dass 
er in jener Zeit Mangel und Noth litt, erhellt aus dei 
Menge kleiner Vorschüsse^), die er auf seine kleine 
Pension erhob und aus dem Umstände, dass ihn im 
Jahre 1389 nur ein königlicher Freibrief vor dem Schuld- 
arrest rettete. 

Doch sah er noch einmal die Sonne des Glückes 
leuchten. Vier Tage nach der Thronbesteigung Hein- 



he made a gatheringe of worldly godes.» An einer andern Stelle 
nennt er sich «once glorious in worldly welefulnesse and liaving 
suche Grodes in welthe as maken men riche» (test. of 1., S. 326) 
was mit seinem nachmaligen finanziellen Ruin allerdings seltsam 
genug constrastiren musste. 

^) Sein Astrologium, welches dass Datum des 12. März 1391 
trägt, ist, wie er sagt «sufficient for eure orizont, compowned 
after the latitude of Oxenforde.» Aus dieser Stelle scheint also 
im Gregensatz zu Godwin's Angabe hervorzugehen, dass er sich 
damals zu Oxford aufhielt. 

^) Derselbe ist vermuthlich in jungen Jahren gestorben. 

Vgl. Bell a. a. 0., L, 37. 

^) Wir besitzen noch die Original - Quittungen darüber. So 
borgte er bei einer Gelegenheit 1 Pf 6 Sh. und ein anderes 
Mal gar nur 6 Sh. Vgl. Bell a. a. 0., S. 31. 



37 



richs rV., des obenerwähnten Sohnes des Herzogs von 
Lancaster, erhielt er eine Pensionszulage von 20 Pfund. 
Chaucer war nun 71 Jahr alt und die königliche 
Gnade kam gerade zur rechten Zeit, um die letzten Tage 
seines Lebens kummerfrei zu erhalten. Seit 1397 wohnte 
Chaucer in London. Er starb daselbst am 25. Oktober 
des Jahres 1400. Er ruht im Poetenwinkel der West- 
m inster- Abtei. — 

In der Geschichte eines Volkes, dessen Sprache mit 
der Dichtkunst Hand in Hand ging, so dass beide einander 
ergänzten und gleichsam schufen, ist es zum vollkommenen 
Verständnies der letztern unerlässlich, auch die Geschichte 
der Sprache zu verfolgen. 

In demselben Verhältniss, in welchem die Bedeutung 
des «Civis romanus sum» zu sinken begann, näherte sich 
die üniversal-IIerr Schaft der lateinischen Sprache ihrem 
Ende. Das Zusammentreffen zweier ungeheurer Völker- 
stämme, des lateinischen und des teutonischen, sowie die 
dadurch bedingte Vermischung zweier Grundsprachen gab 
von einem Ende Europens bis zum andern den Anstoss 
zur Bildung neuer Mundarten. Die Sprachen, welche die 
Völker des südlichen Europas von der äussersten Spitze 
Portugals bis zur äussersten Spitze Calabriens oder 
Siciliens sprechen, sind sämmtlich aus der Vermischung 
des Lateinischen mit dem Teutonischen entstanden. 

Nebenumstände mehr als die Verschiedenheit der 
Racen haben die Verschiedenheit zwischen dem Portu- 
giesischen, Spanischen, Proven9alen, Französischen und 
Italienischen hervorgebracht^), aber diese Verschiedenheit 
hindert nicht die Wahrnehmung eines gemeinschaftlichen 



') Vgl. Simondi a. a. 0., I., S. 11. 



38 



Ursprungs, wie er uns an einzelnen Worten auffallend 
genug in die Augen springt^). In Frankreich, in welchem 
seiner geographischen Lage gemäss das teutonische und 
lateinische Element zuerst zusammenstiessen, bildeten sich 
im Laufe der Jahrhunderte zwei von einander verschiedene 
Dialekte. Das Südfranzösische oder die langue d'oc ent- 
wickelte sich unter römischem^) und das Nordfranzösische 
oder die langue d'oui unter germanischem Einflüsse. 
Letzteres wurde mit der Zeit eine glatte, gefällige Um- 
gangs- und Schriftsprache, deren sich die Gebildeten aller 
Länder bedienten, während das Südfranzösische zu einem 
Patois herabsank, in dem fast Niemand mehr schrieb, 
so sehr es früher auch von den Troubadours kultivirt 



^) Als Beispiel gelte: 

Oculi lat., occM ital., ojos span., oilhos, portug. 
liuelhs proven9., yeux (oeils) franz. — 
coeli lat., cieli ital., cielos span., ceos portug. 
cens proven9., cieux franz. — 

Gaiidium lat., godimento, gioja ital., gozo span., gozo portug« 
gaug proven9., joie franz. 

^) In der Fabel vom Regen des Pierre Cardinal (Anfang des 
13. Jahrh., also zur Zeit eines Hartmann v. d. Aue), heisst es: 

Neufranzösisch 



Provenzal. Text. 
Yssy comensa la faula de la 

pluya. 
Una ciutat fo, no say quals, 
Hon cazee una plueya tals, 
Que tuy li bome de la ciutat, 
Que toque, faro farcenat etc. 



(möglichst wörtlich) 
Ici commence la fable de la 

pluie. 
II fut une ville, je ne sais la- 

quelle, 
Oü tomba une pluie teile, 
Que tous les hommes de la cite 
Qu'elle toucha, furent forcenes 
(devinrent fous). 
Wie scharf tritt hier noch im Text der lateinische Sprach- 
stamm hervor: ciutat (civitas) fo (fuit), hon (unde für ubi), cazee 
(cecidit) u. s. w. 

Vgl. Boltz «die Sprache und ihr Leben,» 1868, S. 33. 



39 

worden war^). Brunetto Latini schrieb 1260 seinen 
< Tresor de sapience» in nordfranzösisclier Sprache, weil, 
wie er in der Vorrede zu seinem Werke sagt, diese 
Mundart wegen ihrer allgemeinen Verbreitung und ihrer 
gefälligen Formen am meisten dazu geeignet war 2). 

Mit dem Eindringen der französischen Normannen 
nach England^) von der Mitte des 11. Jahrhunderts an 
verbreitete sich deren Sprache zunächst in den höheren 
Klassen der Gesellschaft, doch nicht, ohne bedeutenden 
Einfluss auf die Volkssprache auszuüben. Schon Eduard 
der Bekenner, welcher während der Herrschaft von Knut, 
Harold und Hardiknut in der Normandie gelebt hatte, 
brachte 1042 bei seiner Rückkehr nach England nor- 
mannischen Adel, sowie Sitten, Gebräuche und Sprache 
der Normannen aus Frankreich mit, so dass eigentlich 
schon unter ihm die Kämpfe des deutschen und roma- 
nischen Idioms begannen^). 

Gewöhnlich findet man, dass eine besiegte Nation, 
wenn sie nicht wie die britische von den Deutschen 



^) Vgl. Peucker «lieber Ursprung und Fortbildung der 
französischen Sprache» 1853, S. 18. 

2) Ygl. Peucker ebd. 

^) The vicinity of so remarkable a people — the Normans 
— early began to produce an effect on the public mind of 
England. Before the Conquest, English princes received their 
education in Normandy. English sees and English estates were 
oestowed on Normans. The French of Normandy was familiarly 
spoken in the palace of Westminster. The court of Ronen seems 
to have been to the court of Edward the Confessor what the 
court of Versailles long afterwards was to the court of Charles 
the Second». — 

Macaulay «Eist, of England,» Ch. L, S. 12 (1849). 

*) Ygl. Behnsch «Ueber das Verhältniss der deutschen und 
romanischen Elemente in der engl. Sprache,» 1844, S. 9. 



40 



gänzlich aus dem Lande vertilgt wird, ihre Sprache den 
Siegern giebt^), da diese die minder zahlreichen sind und 
meistens nur aus Männern zu bestehen pflegen; auch 
kann man leichter die Hände als die Zunge eines Volkes 
fesseln. Dagegen erfährt auch die Sprache des besiegten 
Volkes mannigfache Veränderungen durch die Sieger, da 
diese natürlich nicht gern von ihnen lernen mögen oder 
wenigstens nur so viel, als sie gerade brauchen, um sich 
verständlich zu machen. Die verschiedenen Formen und 
Endungen, der eigenthümliche Bau einer aus homogenen 
Theilen bestehenden Sprache müssen dabei mehr oder 
minder verloren gehen; aber auch die Besiegten selbst 
werden es nöthig finden, ihre Sprache zu verstümmeln, 
um sich verständlich zu machen^), da die Sieger die 
Endungen und Formen der Wörter nicht kennen und 
lernen mögen. Verstanden zu werden , ist der Haupt- 
zweck des Gesprächs und dieser wird am besten erreicht, 
wenn man zu einem Fremden nur in einfachen V\/^orten 



*) «Eine grosse Menge von Wörtern wird durch die Eroberer 
in die Sprache gebracht, aber der bei weitem grösste Theil ge- 
hört dem besiegten Volke an.» — 

Sismondi I. a. a. 0., S. 11. 

«Ein naheliegendes Beispiel sind die Normannen, welche 911 
die nach ihnen benannte Normandie besetzten. Ihre Zahl war 
so gering, dass ihre Sprache schon in der dritten Generation in 
der franco-romanischen untergegangen war und sie zur Zeit der 
Eroberung Englands nur französisch sprachen.» 

Behnsch a. a. 0., S. 9. 

^) «L'obligation d'etre clair et net dans notre langue remonte 
jusqu'a cette epoque. Quand on lit les auteurs du douxieme 
siecle la difficulte de la lecture vient moins de leur defaut de 
nettete et de clarte que de la difficulte de reconnaitre, sans 
quelque etude, le mot latin sous la travestissement d'une ortho- 
graphe a la fois chargee de lettres et incertaine.» — 

Nisard «hist. de la litte'r. fran9aise,» 1863, T. I., S. 39. 



41 



spricht^). Der Infiüitiv bei den Verben, der Nominativ 
bei den Substantiven, die Stammform bei den Adjectiven 
sind ausreichend. Alle Versetzungen der Wörter müssen 
vermieden werden. So geben die Sieger die herrschende 
Sprechweise an und stellen fest, was zuerst nur Noth- 
behelf war oder, um ein Bild zu gebrauchen, der Stamm 
der Sprache bleibt derselbe, allein die schönen Zweige 
und Blätter hat er bei dem Sturme der Umwandlung 
verloren-). 

So ging es auch in England^). 



^) «Le discours s'y reduit aux deux termes par excellence, 
le substantif et le verbe; il n'y a pas encore de mots pour les 
nuances.» Nisard Ebd. 

2) Behnsch ebd. 

^) Sebr anscbaulicb tritt diese Spracb- Metamorphose in fol- 
genden Beispielen zu Tage. Eine Stelle des gleicb nach der 
normannischen Invasion um das Jahr 1200 entstandenen Ge- 
dichtes des Brut von Layamon — es behandelt die fabelhafte 
Geschichte der ersten Königin Englands — lautet: 

«Tha the masse wes isungen, 
Of chirccken heo thrungen, 
The king mid his folke 
To his mete verde 
And mucle his dugethe : 
Drem wes on hirede. 
Tha quene, an other halve, 
Hire hereberewise isohte : 
Heo hafde of wif-monne 
Wunder ani moni en.> 

Dieses Gedicht zeigt durchweg den unverfälschten deutschen 
Sprachstamm : masse Messe, isungen gesungen, chirccken Kirchen, 
thrungen drängen, folke Volk, Gefolge u. s. f. 

Dagegen zeigt das Gedicht, welches im Jahre 1307 den Tod 
Edwards II. besang, schon die unverkennbare Verschmelzung 
beider Idiome: 



42 



Wie wenig im Ganzen der vornelime normäunisclie 
Adel an die Erlernung der angelsächsischen Sprache 
dachte^), dafür sprechen folgende geschichtliche That- 
sachen^). 

Im Jahre 1080 musste der Bischof Vaulcher mit 
seinen Northumberländern durch einen Dolmetscher 
sprechen und wurde, da er ihnen nach langer Rede ihr 
Recht nur um 400 Pfund Silber zugestehen wollte, von 
den erbitterten Leuten erschlagen, nachdem sie der 
Dolmetscher in der Gegenwart des Bischofs mit den 
angelsächsischen Worten: «short red, god red, slea ye 
the byschoppe» dazu aufgefordert hatte. 

Nachdem in dem Streite zwischen Stephan und Mathilde 
1141 — 1142 ihr Bruder Robert von Glocester bei der 
Belagerung von Winchester gefangen genommen worden 
war, warfen mehrere Barone und Ritter seiner Partei die 
Waffen weg und suchten verkleidet zu entkommen ; allein 
man erkannte sie an ihrer normannischen Sprache. 



«Jerusalem, thou hast ilore 
(Edward wollte nämlicli am Ereuzzuge theilnelimen) 
The flour of all chivalerie, 
Non Kyng Edward liveth na more, 
Alas! that he yet shulde deye! 
He wolde ha rered up ful heyge (high) 
Our baners that bueth broht to grounde, 
Wel longe me move clefe and crie, 
Er we such a kynk hav yfounde!» 
^) «In the time of Richard the first, the ordinary imprecation 
of a Norman gentleman was: «May J become an Englishman.» 
His ordinary form of indignant denial was: «Do you take me for 
an Englishman?» The descendant of such a gentleman a hundred 
years later was proud of the English name!» 

Macaulay a. a. 0., S. 16. 
^ Sämmtlich bei Behnsch, S. 9 u. ff. 



43 



Im Jahre 1191 versuchte William von Longchamps, 
Minister Richards I. und Kanzler von England, nachdem 
er in Ungnade gefallen war, in der Tracht einer Lein- 
wandhändlerin mit den Schlüsseln der königlichen Schlösser 
auf ein Schiff zu fliehen; weil er aber den zu ihm 
kommenden angelsächsischen Käufern kein Wort ant- 
worten konnte, wurde er entdeckt und verhaftet. 

Auch Richard Löwenherz verstand nicht das Geringste 
von einer in angelsächsischer Sprache an ihn gerichteten 
Rede, und Heinrich III. fand es für nöthig, den Mönchen 
von Colchester im Jahre 1233 drei ihnen von Richard 
zugestandene Rechte: frithsocne^), infangenethef^) und 
flemenefrenth^) in französischer Sprache zu erklären, ehe 
er sie bestätigte. 

Aber auch das Französische erlitt in England allmälig 
eine sichtliche Veränderung, welche durch Umstellung 
und Verwechselung von Buchstaben, vorzüglich aber durch 
die Gewalt des deutschen Accents bewirkt wurde. Schon 
im Jahre 1362 war die französische Sprache für die ge- 
richtlichen Verhandlungen unbrauchbar geworden, so dass 
Edward III. befahl, sich dabei der neu entstandenen 
Mischsprache zu bedienen^). 

Ein gewisser John Cornwall soll um jene Zeit den 



^) «Vue de franc plege dans Teinceinte de leurs libertes.» 
Vgl. Hardy Rotul. Chart., S. XXXVII. 

^) «Le droit de juger les voleurs pris dans reinceinte de leurs 
libertes avec des objects voles.» Ebd. 

^) «Les bestiaux des fugitifs.» Ebd. 

*) «Durch eine Parlamentsakte vom Jahre 1364 wurde der 
Gebrauch der französischen Sprache in öffentlichen Verhand- 
lungen, sowohl vor Gericht als auch in den beiden Häusern des 
Parlaments abgeschafft.» 

Heinrichs «Gesch. v. England,» 1808, Bd. L, Abth. L, S. 615. 



44 



Anfang gemacht haben, in der Schule auf Englisch zu 
unterrichten^) und zwar mit so vielem Erfolge, dass im 
Jahre 1385 der Gebrauch des Französischen in der Schule 
überall aufgegeben gewesen sein soll^). 

Man begann eben nach und nach einzusehen, dass 
das anglisirte Französisch kein «Französisch von Paris ^)» 
mehr sei und dass dem in England geborenen und 
französisch schreibenden Dichter der schlimme Makel 
provinzieller und pedantischer Lächerlichkeit anhafte und 
mit dieser Einsicht musste auch diese Art der Produktion 
von selbst aufhören*). 

Zwar noch plump, aber frisch und kräftig, regt sich 
eine einheimische Lyrik, die Natur und Phantasie zum 
Gegenstaude ihrer Schöpfungen macht. Wie lieblich ist 
das Gedicht von dem Wettstreit zwischen Drossel und 
Nachtigall^). Frühling — sweet lovers love the spring 
— und inbrünstige Anbetung der Jungfrau Maria und 
ihres Sohnes sind die Hauptgegenstände vieler Lieder, 
deren Innigkeit oft an die der mittelhochdeutschen und 
mittelniederländischen Poesie anklingt, deren Form aber, 



') Pauli a. a. 0., IV., S. 699. 

^) «Her (der neuen Sprache) avauntage is, that thei lerneth 
her grammer in lasse tyme than children were wont to do. Des- 
avauntage is that now children of grammer scole kunneth no 
more frensch than can her lifte heele.» 

Tyrwhitt «Essay on the language and versification 
of Chaucer.» Vgl. Pick. ed. 1845, S. 168. 
3) Vgl. «Canterbury Tales» V. 124 ff.: 



And Frensch sehe — the Prioresse — spak ful faire and fetysly, 

Aftur the scole of Stratford atte Bowe 

For French of Parys was to hire unknowe.» 

^) Hertzberg a. a. 0., S. 16. 

*) Wight and Halliwell «Reliquiae antiquae,» I., S. 241 . 



45 

ein beständiger Kampf zwischen Alliteration und Reim, 
der Abrundung zu einem Kunstwerke fast durchweg im 
Wege steht ^). Die meisten dieser Produkte sind Liebes- 
gedichte, deren Werth doch fast immer nur im Ausdruck 
liegt, denn der Geist, den man in das zärtliche Gefühl 
einmischen wollte, würde dasselbe zu erkalten, jede geist- 
reiche Pointe den Dichter und Liebhaber von seinem 
Zwecke zu entfernen scheinen; man verlangt von ihm 
nur, dass er mit Wahrheit, mit Innigkeit wiedergebe, 
was seit urewigen Zeiten von allen Denen gefühlt worden, 
welche geliebt haben. Die Harmonie der Sprache allein 
soll die Harmonie des Herzens wiedergeben, und es ist 
daher nicht zu verwundern, dass in diesen Gedichten eine 
gewisse Monotonie vorwaltet ; sie entbehren eben durchaus 
der individuellen Eigen thümlichkeiten. Noch war kein 
Dichter erschienen, der die Herzen mächtig gerührt hätte, 
kein Dichter, der in die Tiefe der Reflexion hinab- 
gestiegen wäre — da trat Chaucer auf und zeigte, wie 
ein grosses Genie diese rohen Materialien verwenden 
könne, um einen staunenswerthen Bau daraus aufzuführen. 
Statt verschwommener Liebesgedichte, statt kalter Ma- 
drigale, mühselig an einander gefädelter Sonette, ent- 
hüllte er die Welt, die ihn umgab, mit klassischer Be- 
redsamkeit den Augen seiner staunenden Zeitgenossen. 

Chaucer's Sprache ist die der guten Gesellschaft^), in 
der er lebte und in die ein ziemliches Quantum nor- 
mannischen Blutes, normannischer Sitte und Sprachweise 
übergegangen war^). Seine Sprache ist edel, viel edler 



1) Pauli a. a. 0., IV., S. 197 u. ff. 

2) Vgl. Bell a. a. 0., I., S. 47. 

^) Auch merkwürdige Spuren des angelsächsischen Sprach- 
stamms machen sich, vornehmlich in der Flexion des Pronomen 



46 



als die Gower's, er verscbmäht die Archaismen der 
niederen Stände. Sein Geschmack ist der eines weiten 
Herzens; so lieb und werth ihm die Bücher auch sind, 
so schlägt er sie doch zu, wenn der Mai gekommen, die 
Vögel singen und die Blumen blühen; auch die kleinste, 
zarteste Schöpfung der Natur, wie das Marienblümchen ^), 
bringt ihm innige Freude. 

Von den italienischen Dichtern entlehnt er die als 
vollendet erprobten Versmasse ^) und wendet sie mit 
Sicherheit und Erfolg an. Am liebsten bedient er sich 
des fünffüssigen Jambus, der sich trotz mancher Will- 
kührlichkeiten doch recht gut skandiren lässt. 

Sein erstes bedeutendes Gedicht in englischer Sprache 
ist der «Hof der Liebe,» welches er der eigenen Angabe 
zufolge^) im Alter von 18 Jahren geschrieben hat. Das 
Gedicht ist in der dem Ottaverime nachgebildeten sieben- 
zeiligen Strophe geschrieben und von vortrefflicher Ver- 
sifikation, aber es zeigt doch die unverkennbaren Spuren 
eines jugendlichen und unreifen Geistes. Dann folgt 
«Troilus und Cresida;» es ist dies kein Epos im strengen 
Sinne des Wortes , sondern — s. weiter unten — eine 
blos in Verse gebrachte Liebesgeschichte und enthält, 
wenn es auch manche weitschweifige Plattheit birgt, viele 
schöne Stellen*). 



personale und possessivum bemerkbar. Ebenso finden sich Aehn- 
lichkeiten in der Präfix-Bildung des Participium perfecti: ifalle, 
yron, gefallen, geronnen. 

^) «The daisie or eis the eye of the day 

The emprise and flower of flowres alle.» 

Vgl. «Legende of Goode Women,» V. 178 u. ff. 
^) Vgl. Pauli a. a. 0., IV., S. 713. 
^) «When J was yong at XVIII yere of age. 

Lusty and light, desirous of plesaunce etc.» — — 

«Court of Love,» V. 43 u. ff. 
^) Ohne Zweifel war es hauptsächlich dieses Gedicht, welches 



47 



Dann kommt das «Parlament der Vögel,» hierauf der 
«Traum,» dann die Uebersetzung des «Roman de la rose» ^); 



Chaucer den Weg zum Ruhme bahnte. Nach Breyer (vgl. S. 76) 
erhielt dasselbe ausser dem Lobe Philipp Sidney's in dessen 
«Vertheidigung der Poesie» viele andere Beweise des Beifalls. 

Eobert Henryson, der Dichter eines spätem Zeitalters, schrieb 
eine Fortsetzung des Gedichts oder ein sechstes Buch desselben, 
welches gewöhnlich «Cresida's Testament» genannt wird. Auch 
wurde dasselbe von Franz Kindston unter der Regierung Karls I. 
in das Lateinische übersetzt und mit einem Glossar versehen. 
Endlich liegt es höchst wahrscheinlich Shakespeare's gleich- 
namigem Stücke zu Grunde. (Bell a. a. 0., vol. V., S. 14, ist 
dagegen der Ansicht, dass Shakespeare entweder das Original 
oder eine Uebersetzung der Chronik Guido di Colonna's — siehe 
weiter unten — benutzt habe, «because a comparison of the 
details will show that he must have drawn his principal incidents 
from some other sources.») 

Vgl. auch Dunger «die Sage vom trojan. Kriege,» Lpz. 1869, 
S. 36: «Shakespeare benutzte ausser Chaucer auch Lydgate's 
Troy-Boke, eine Bearbeitung Guido di Colonna's, und die Homer- 
Uebersetzung Chapman's, aus welcher er z. B. die Gestalt des 
Thersites entlehnte. 

^) Derselbe wurde von Wilhelm von Lorris aus dem Städtchen 
Gatinois gegen die Mitte des 13. Jahrhunderts begonnen und von 
Jean de Meun 45 Jahre später vollendet. Er umfasst nicht weniger 
als 22734 Verse. Chaucer giebt uns nur einen Auszug davon in 
ca. 7600 Versen. Das Gedicht behandelt in allegorischer Weise 
denselben Gegenstand, wie Ovid's «Ars amandi.» 

Die Uebersetzung giebt einen unleugbaren Beweis von Chaucer's 
feinem Versfcändniss für den Wohllaut der Sprache und die me- 
trische Harmonie und in gleicher Weise von seiner gewaltigen 
Phantasie; denn wiewohl er an vielen Stellen dem Originale mit 
scrupulöser Treue folgt, so erlaubt er sich doch anderwärts 
kräftige Zusätze eigener Erfindung. Sehr anschaulich tritt dies 
beispielsweise bei der Beschreibung des «Palace of Eide» hervor, 
und dürfte eine Vergleichung des Originals mit der Uebersetzung 
hier nicht ohne Interesse sein: 



48 

hieran reiht sich das «Buch der Herzogin» und die 
«Legende von den guten Weibern,» das «Haus des 



Original Chaucer 

«Travail et Douleur la her- With hir Labour and Travaile 

bergent, Logged ben witb Sorwe and Woo, 

Mais il la tient et enfergent, That never out of hit court goo. 
Et tant la latent et tor- Peyne and Distresse, Sykenesse and 

mentent, Ire, 

Que mort prochaine li pre- And Malencoly, that angry sire, 

sentent.» Ben of hir paleys senatoures; 

— — — — — — Gronyng and Grucchyng his herbe-: 

jeours, 
The day and night, hir to turment, 
And teilen hir, erliche and late, 
That Deth strondith armed at hir 



Der Inhalt dieses wichtigen Werkes ist kurz folgender: 
Dem Verfasser träumt, er sei in einen prächtigen Garten ge- 
rathen , in welchem eine unvergleichliche Rose seine Blicke auf 
sich zieht. Er will sie brechen, aber allerlei Hindernisse stellen 
sich ihm entgegen. Er muss sich einer förmlichen Belagerung 
unterziehen, muss durch Gräben setzen, Mauern übersteigen und 
Schlösser erobern. Die Bewohner dieses Zaubergartens sind ent- 
weder wohlthätige Genien, wie «Liebe,» «Mitleid,» «Grossherzig- 
keit» oder böse Gottheiten: «Gefahr,» «Verleumdung,» »Eifer- 
sucht.» Endlich nach langem Kampfe gelangt der Verfasser in 
den Besitz der Rose: 

Ainsi eus la rose merveille, 

A tant fut jour, et je m'eveille. 
Man kann den Roman de la rose ganz wohl als eine Satyre 
auf die damalige Zeit ansehen, wenn man Verse wie die fol- 
genden gegen die Geistlichkeit darin antrifft: 

Tel a robe religieuse; 

Doncque il est religieux. 

Cet argument est vicieux; 

Et ne vaut une vieille gaine. 

Gar l'habit ne fait pas le moine (!) 



49 



Ruhms,» die «Klage des schwarzen Ritters,» «die Blume» 
und «das Blatt,» «das Testament der Liebe» und endlich 
die «Canterbury-Erzählungen.» — 

Nach Chaucer's Quellen forschen heisst keineswegs seine 
Grösse beeinträchtigen und seine Verdienste schmälern! 

Kein Genie ist so gewaltig, dass es nicht, um sich 
geltend zu machen, eines fremden äusseren Kernes be- 
dürfte^), an dem es sich dann gleichsam ankrystallisiren 
kann. An allen grossen Schriftstellern, deren Werke auf 
uns gekommen sind und deren Bildungsgang wir zu 
überblicken vermögen, bestätigt sich diese Erscheinung, 
und der Ruhm eines Spinoza wird auch nicht um ein 
Titelchen verkürzt, wenn man auch weiss, dass er einen 
grossen Theil seiner weltbewegenden Ideen den Werken 
des Maimonides entnommen hat^). Das ist auch ein 
Verdienst, den todten Gedanken eines Andern zu be- 
fruchten und zu beleben^). 

«Troilus und Cresida» ist dasjenige von Chaucer's 
Gedichten, welches seine Abhängigkeit von Boccaccio und 



Wie bitter heisst es von den Weibern: 
Toutes etez, serez ou futes, 
De fait ou de voulente putes, 
Et qui tres bien vous cherclieroit, 
Putes toutes vous trouveroit. 
^) «Kein Epiker, der nicht den Boden unter den Füssen ver- 
lieren will, darf seine Erfindung aus der Luft greifen. Kein 
Epiker von Walter Scott bis herab zu Homer hat dies gethan, 
ja kaum ein echter Dramatiker. Selbst Shakespeare hat die 
Fabel stets «irgendwoher» genommen und meistens lässt sich 
die Quelle nachweisen.» — — 

Vgl. Hertzberg a. a. 0., S. 52. 
^) Vgl. Joel «Spinoza's theologisch-politischer Traktat, auf 
seine Quellen geprüft,» 1870, S. 12 u. ff. 
3) Moser «Eeliquien,» 1766, S. 355. 

4 



50 



zwar hier von dessen «Filostrato» am deutlichsten er- 
kennen lässt. 

Der «Filostrato,» allem Anschein nach zu Florenz 
während Boccaccio's Liebschaft mit der Fiammetta ent- 
standen^), ist ein in Ottaverime gebildetes Epos von zehn 
Gesängen und giebt mit neueren Vorstellungen ausge- 
schmückt und zuweilen sehr verunstaltet, eine Episode 
aus dem trojanischen Kriege wieder. 

Der Ideengang 2) ist kurz folgender: 

Der Held der Erzählung ist Troilus, Sohn des Priamus, 
welcher in Liebe zu der schönen Cresida, Tochter des 
Priesters Calchas entbrennt und nach langem Werben mit 
Hilfe von Cresida's Oheim Pandarus — nach welchem 
beim Shakespeare derjenige, der seine gefälligen Dienste 
zur Verbindung der beiden Geschlechter hergiebt, «a 
Pandar» genannt wird, so dass der Name des guten 
Trojaners zum Begriff geworden ist — endlich auch ihre 
Gegenliebe gewinnt. Die Liebenden schwelgen in Wonne ; 
nun aber gebietet das Schicksal Trennung. Calchas, 



1) Vgl. Rutil a. a. 0., S. 590. 

2) « — - — Es ist der Charakter dieser Fabel eine gewisse 
zierliche Albernheit und eine leise, aber sehr durchgeführte Zwei- 
deutigkeit. Es geschieht eben, nichts und es ist doch eine Ge- 
schichte; es werden Anstalten genug gemacht, aber es rückt 
nichts von der Stelle ; es werden lange Reden gehalten voll Edel- 
muth und in zierlicher Sprache, aber es ist eben nichts darin gesagt. 
Und dennoch unterhält uns das närrische Wesen, ja eben diese 
ironische Unbedeutendheit macht den eigentlichen Reiz davon, 
wie die innere Schalkheit bei dem sittsamen Ton der bis zum 
Pomphaften edelmüthigen Reden.» — 

Vgl. Friedrich Schlegel «Nachricht von den 
poetischen Werken des Boccaccio» im II. Theile 
der «Charakteristiken und Kritiken,» 1801, 
S. 367 u. ff. 



51 



welcher das Schicksal seiner Vaterstadt vorhersieht, ver- 
lässt als kluge Eatte das sinkende Schiff und desertirt 
zu den Griechen, die, als die Trojaner nach mehreren 
Niederlagen um Waffenstillstand bitten, als conditio sine 
qua non die Auslieferung der Cresida begehren. Natürlich 
fällt wie gewöhnlich die Liebe der Politik zum Opfer; 
Troilus geräth über die Trennung von der Geliebten in 
die übliche Verzweiflung, und Cresida, welche den An- 
trägen der Griechen anfangs mit merkwürdiger Stand- 
haftigkeit begegnet, beglückt endlich den Tyrann von 
Argos, Diomedes, mit ihrer Huld. Ein von der Schwester 
Cassaudra gedeuteter Traum unterrichtet Troilus von der 
Untreue der Cresida und er verfällt nun in den mit 
vieler Wärme und Wahrheit geschilderten Zustand des 
Zweifels, in welchem bald Eifersucht und Hass, bald 
Liebe und Vertrauen die Oberhand behalten. Unterdessen 
beginnt der Kampf aufs Neue; Troilus gewinnt die un- 
umstössliche Ueberzeugung von der Wahrheit seines 
Traumes; er sucht, von Verzweiflung erfasst, den Tod 
unter den Schwertern der Griechen und — was im Hin- 
blick auf moderne Begebnisse besonders hervorzuheben 
ist — er findet denselben auch. 

Ganz denselben Stoff hat Chaucer unter häufiger Be- 
nutzung des italienisches Textes ^) in Form der graciösen 



^) «Chaucer hasfrequently adhered to the text of the Filostrato.» 

Vgl. Bell a, a. 0., V., S, 11. 
Wenn in «Troilus und Cresida» Hector die Cresida mit den 
Worten zu trösten sucht: 

« Lete your father tres oun gone 

To sory hap — — — — — » 
so nimmt sich diese Aeusserung in Hectors Munde ziemlich 
drollig aus; aber sie ist die buchstäbliche üebersetzung nach- 
stehender Stelle des «Filostrato:» 

4* 



52 



siebenzeiligen Stanze behandelt, aber er zeigt sich im 
Verlauf der Erzählung seinem Vorbilde, was Gewalt der 
Phantasie, Kraft der Diktion und Plastik der Darstellung 
betrifft, entschieden überlegen. Zudem stechen die Cha- 
raktere des Troilus, der Cresida, des Hector, wie sie uns 
im «Filostrato» entgegentreten, in wenig vortheilhafter 
Weise von den edlen, idealen Gestaltungen des englischen 
Dichters ab, dessen Sittlichkeit die seines grossen floren- 
tinischen Zeitgenossen bei Weitem übertrijfft. 

Die handgreiflich derben Anspielungen, welche sich 
der Dichter allerdings sehr häufig erlaubt, geben uns 
eben keineswegs auch nur entfernt die Berechtigung, 
Chaucer's Moralität irgendwie in Frage zu stellen. 
Dieselben sind ganz im Gegentheil — es mag paradox 
klingen — viel eher geeignet, für die Sittlichkeit und 
natürliche Unverdorbenheit jenes Zeitalters ein ehrendes 
Zeugniss abzulegen^). 



« Lascia con la ria Ventura 

Tuo padre andar — — — — .» 
Vgl. aucli Hertzberg's EinleituDg zu Troilus-Cresida (Ausgabe 
der Shakespeare-Gesellscliaft, 1871, Band XI, S. 170: Boccaccio's 
GedicM wird von Chaucer in wörtlicher Herübernahme ganzer 
Abschnitte in seiner Romanze Troilus-Creseide in mehr episch- 
objectivem Sinne verarbeitet und durch dramatische Individuali- 
sirung der Charaktere und der Handlung belebt.» 

^) Die so leicht durch Worte geärgert werden, haben meistens 
schon durch Thaten selber geärgert. — 

Jean Paul «Grönländische Processe,» 1822, Band IL, 
Cap. V., S. 189. 
«Plus la langue est decente plus les moeurs sont corrompues » 

Voltaire «Lettre ä l'Abbe de Chaulieu.» 
«Jamais les oreilles ne sont si delicates, que lorsque la de- 
pravation du coeur et la corruption des moeurs sont parvenues 
a leur comble.» 

Saint foix (vgL Young «Love of fame,» S. 23, Anm.) 



53 



Chaucer's «Troilus und Cresida» ist umfangreiclier als 
der «Filostrato,» ein Umstand, der, wie ich weiterhin 
zeigen werde, geltend gemacht wird, nm Chaucer's Un- 
abhängigkeit von Boccaccio zu vertheidigen. Das Gedicht 
besitzt ungefähr dieselbe körperliche Ausdehnung wie 
Virgil's «Aeneis» und bietet, bei ungemein einfacher und 
natürlicher Entwickelung eine Ueberfülle von reizenden 
Beschreibungen und Charakterzügen. 

Der Stoff selbst war im Mittelalter ausserordentlich 
populär. Man führt ihn auf Benoit de Sainte More^) 
Trouvere Heinrichs II. von England, und den mysteriösen 
Dichter Lollius zurück, welcher Letztere in Chaucer's 
Zeitalter so oft genannt wird und über dessen Werke 
uns jedwede Nachricht fehlt. 

Ausser einer Bearbeitung der Aeneis, welche Heinrich 
von Veldeke als Quelle benützt hat^) und der sogenannten 
normannischen Reimchronik^) verfasste Benoit ein grosses 
Gedicht von etwa 30,000 Versen, die «destruction de 



«Quand le ,bon ton' parait, le bon sens se retire.» 

George Sand «Consuelo.» 
C'est dans les siecles les plus depraves qu'on aime les le9ons 
de la morale la plus parfaite; cela dispense de les pratiquer; et 
Ton contente a peu de frais, par une lecture oisive, un reste de 
goüt pour la vertu. 

Eousseau «la nouv. Heloise,» seconde preface; Paris 1863, p. 6, 
^) Benoit war wahrscheinlich in St. Maure, einer kleinen Stadt 
der Tourraine, geboren. 

Vgl. Ideler «Gesch. d. altfranz. Nationalliteratur,» 72. 73. 
^) Vgl. Hermann Dungers treffliche Untersuchung: die Sage 
vom trojanischen Kriege in den Bearbeitungen des Mittelalters 
und ihren antiken Quellen. Lpz. 1869, S. 31. 

^) Histoire des ducs de Normandie. Einige bezweifeln die 
Identität des Verfassers der Chronik mit unserm Benoit. 

Ebd. S. 31. 



54 



Troyes» (roman de Troyes) in kurzen Reimpaaren. 
Benoit rülimt von sich, dass er diese Geschiclite aus der 
Vergessenheit^) wieder hervorgezogen habe: 

Geste estoire nest pas usee 

Nen gaires leus non est trouee 

Ja retraite nen fast encore 

Mes benoiz de sainte more 

La retreite faite edite etc. 
Aus Benoit schöpft direct oder indirect das ganze 
spätere Mittelalter. Zunächst Guido di Colonna aus 
Messina gebürtig^), in seiner Historia Trojana. Aus 
Guido eignet sich Boccaccio in seinem Filostrato wesent- 
lich nur die Liebesgeschichte an, die er subjectiv und 
lyrisch als Substrat für seine eigenen Herzensangelegen- 
heiten verwerthet und erweitert. Er verändert den Namen 
der Heldin Briseida, wie er bei Benoit lautet, in Griseida ^). 
Einige Namen und Persönlichkeiten , wie Cresida, 
Pandarus, Diomedes und Troilus sind augenscheinlich 
der Hiade entnommen. Wenngleich Chaucer selbst an- 
giebt, dass er sein Werk «aus dem Lateinischen eines 
gewissen LoUius entlehnt, jedoch frei und ungezwungen 
übersetzt habe^),» so ist er doch in diesem Punkte 
unglaubwürdig und unzuverlässig. 

Hertzberg beweist ausführlich ^) , dass viele von 
Chaucer's Citaten absichtlich gefälscht sind, nur um sich 
der Erwähnung des Boccaccio zu entziehen ^). 



^) Ueber die Quellen, aus denen seinerseits Benoit geschöpft 
vgl. Dunger S. 32 u. ff. 

2) vgl. Bell a. a. 0. Y, S. 9. 

^) vgl. Dunger S. 36 und Hertzberg «Einleitung zu Tr. u. Cr.» 
S. 170. 

*) vgl. Breyer a. a. 0. S. 71. 

^) vgl. Anmerk. 67 und 71 der «Canterbury-Geschichten.» 

®) Seltsamer "Weise und aus Motiven, die bisher noch nicht 



55 



Mit vielem Scharfsinn hat Godwins ^) die Behauptung 
Chaucer's zu stützen gesucht. Er deducirt in folgender 
Weise ; 

«Troilus und Cresida» entstand vermuthlich um das 
Jahr 1350, Boccaccio's «Filostrato» aber mag schon um 
das Jahr 1342 vollendet gewesen sein. In Hinsicht auf 
die Zeit der Entstehung ist es also gar nicht so unmo- 
tivirt, den «Troilus» für eine Uebersetzung des «Filostrato» 
zu halten. Allein, wenn man zweierlei bedenkt, einmal, 
wie langsam und beschränkt der literarische Verkehr 
zwischen England und Italien und jenen Zeiten gewesen 
sein muss und dann , dass Chaucer damals noch keine 
Verbindungen auf dem Continent, Boccaccio selbst aber 
damals noch nicht den Zenith seines Ruhmes erreicht 
hatte, so ist die Annahme ziemlich unwahrscheinlich, 
dass des Letzteren jugendlicher Versuch sobald der Ehre 
einer Uebersetzung in's Englische gewürdigt sein sollte. 
Zwar findet sich im «Troilus» die Uebersetzung eines 
Sonetts des Petrarca, allein Petrarca war, wenngleich nur 
neun Jahre älter, als Boccaccio, doch weit früher berühmt 
als dieser. Und zu welchem Zwecke sollte denn Chaucer 
den Namen Lollius erdichtet haben? Oder sollte dieser 
Name etwa deshalb erdichtet sein , weil uns ein solcher 
Dichter des Mittelalters unbekannt geblieben ist? Aber 
wie viele Schriften können mit dem Namen ihrer Ver- 
fasser in der Dunkelheit des Mittelalters verloren ge- 
gangen sein ! Wenn Boccaccio's «Filostrato» im Sturme 
der Zeit beinahe vernichtet wurde, wie kann es auffallen. 



aufgeklärt sind, nennt Chaucer nirgends Boccaccio's Namen, ja 
er verschweigt in vielen (von Hertzberg näher bezeichneten) 
Fällen nicht nur seine Quelle, sondern versteckt sie sogar mit 
Absicht hinter andern Autoritäten. Ebd. S. 44. 

') vgl. Breyer S. 71. 



56 



dass das Original des «Filostrato» und der Name des 
Verfassers in gänzliche Vergessenheit gerathen sind? 
Auch war Boccaccio bekanntlich sehr oft üebersetzer, 
warum könnte er es nicht auch in diesem Falle sein?! 

So weit Godwins. Seine Vertheidigung ist in der 
That sehr geschickt, aber sie gilt eben einer durchaus 
undankbaren Sache. Schon der Umstand, dass in Chaucer's 
Gedicht die griechischen Eigennamen in italienischer 
Form vorkommen, wie Monesteo statt Menestheus, Elicone 
statt Helicon, Pernaso statt Parnassus, beweist zur Ge- 
nüge, dass er seinen StofP aus einem italienischen und 
nicht aus einem lateinischen oder französischen Originale 
geschöpft hat und da der «Filostrato» nun einmal das 
einzige italienische Gedicht ist, welches diesen Gegenstand 
behandelt, so lösen sich alle Combinationen Godwins in 
Nichts auf. 

Dass Chaucer auch Boccaccio's Hauptwerk gekannt 
hat, bedarf kaum der ausdrücklichen Erwähnung. Den 
Rahmen zu seinen «Canterbury-Tales» hat er unstreitig 
von «Decamerone» hergenommen^), aber derselbe ist in 
seiner lauten Natürlichkeit dem heiteren, doch einförmigen 
italienischen Erzählerkreise weit überlegen. Frische 
Prühlingsluft durchdringt das Ganze, Vogelsang und das 
Grün der englischen Landschaft klingen und schimmern 
zwischen den einzelnen Pausen hindurch. Pilger aus 
allen Ständen, Männer und Weiber, vom Rittersmann 
bis zu dem gemeinsten Gesellen herab, versammeln sich 
in der Herberge zum «Heroldsrock» in «Southwark.» 
Auch der Dichter will mit auf die Fahrt gehen und 
sieht, wie sie einzeln in's Gastzimmer treten. Er fasst 
einen Jeden scharf in's Auge und schildert ihn in dem köst- 



1) vgl. Pauli a. a. 0. IV, S. 713 u. ff. 



57 



liehen Prologe, wie er leibt und lebt; den edlen Ritter, 
der für das Kreuz in Preussen und Granada gefochten 
und den lebenslustigen, tändelnden Junker, seinen Sohn, 
die zimperliclie Nonne, den feisten, genusssüchtigen Mönch, 
den gemeinen betrügerischen Bettelbruder, den lernbe- 
gierigen und sinnigen, aber armen und abgerissenen Ox- 
forder Studenten, die üppige, lüsterne Frau aus Bath, 
die fünfmal verheirathet gewesen ; rohe Burschen , wie 
den Müller und den Koch, die sich in Trunk und Zoten 
ergehen, den schlichten, treuen, sich ganz seiner Gemeinde 
hingebenden Landpfarrer. Sie alle wollen das Grab und 
die wunderthätigen Reliquien des heiligen Märtyrers 
Thomas besuchen. Auf den Vorschlag des Wirths , der 
sich als Theilnehmer und Schiedsrichter aufdrängt, soll 
Jeder während der Hin- und Rückreise eine Geschichte 
erzählen. Das Werk, das wahrscheinlich nach 1386 ge- 
schrieben wordenundvermuthlichChaucer's letzte poetische 
Arbeit gewesen ist, ist kaum zur Hälfte vollendet, denn 
wo er abbricht, ist die Gesellschaft noch nicht in Can- 
terbury angelangt. Aber wie reich und mannigfach ist 
schon das grosse Bruchstück: der Pathos in des Ritters 
Erzählung vom Palamou, die durch derben, gesunden 
Witz und durch unvergleichliche Anspielungen auf das 
Universitätsleben in Oxford und Cambridge miteinander 
wetteifernden Geschichten des Müllers und des Greven, 
die satyrischen Ausfälle des Bettelmönches und des Ab- 
lasskrämers, die vom Oxforder Studenten zart erzählte 
Geschichte der Griseldis, die stets den inviduellen Ge- 
schmack bekundenden Erzählungen, in denen sich die 
verschiedenen geistlichen Pilger ergehen, des Dichters 
eigene Leistungen in Poesie und Prosa und endlich des 
bescheidenen und frommen Pfarrers lange, ernste Predigt. 
Indem ein Jeder in seiner Zunge redet, hilft er das 
schönste Bild malen und die sicherste Urkunde ausstellen, 



58 



welche uns über den Zustand der damaligen Gesellschaft 
und über Tendenz und Geist jener Zeit erbalten ist. 

Den Umriss zu der Erzählung des Ritters hat Chaucer 
der «Teseide» des Boccaccio entlehnt. Es ist dies ein 
in Ottaverime gebildetes , episch - romantisches Gedicht, 
welches die Geschichte zweier Thebaner des Palomon 
und des Arcitas zur Zeit des Theseus und ihre Liebes- 
händel mit dessen Schwester Emilia erzählt. Es muss 
dieses Werk seiner Zeit sehr hoch geschätzt worden 
sein, da von ihm in gleicher Weise wie vom «Pastor fido» 
des Guarini und der Geschichte von Florio und der 
Biancafiore eine griechische üebersetzung existirt. 

Schlegel ^) rühmt es Chaucer nach, dass der Charakter 
der Fabel bei ihm bedeutend besser behandelt und durch- 
geführt sei als bei Boccaccio. Er scheine es besonders 
auf eine redliche, stillschweigende, aber deutliche Ironie 
abgesehen zu haben über die Naivität, mit der die Heldin 
am Schluss, da der eine Ritter stirbt, nachdem sie den- 
selben gebührend beweint hat, kaltblütig den andern 
nimmt ^). 

Der Ursprung der Fabel ist in Dunkel gehüllt. Tyr- 
whitt hält es zwar für sehr wahrscheinlich, dass dieselbe 
Boccaccio's eigenste Erfindung sei ^), doch geht aus meh- 



1) a. a. 0. S. 371. 

^) üeberhaupt ist Simplicität , wie micli dünkt, und zwar 
eine fast collossale Simplicität der Charakter dieser Fabel; es 
sind manche simple Geschichten aus jener alten, guten Zeit auf 
uns gekommen, aber simpler als diese wird man nicht leicht eine 
finden — . Schlegel ebd. S. 371. 

^) vgl. Bell a. a. 0. V, S. 111: «The assertion of the novelist 
(Boccaccio) that he translated it into «vulgär Latin,» meaning 
Italien, from «una antichissima storia» he (Tyrwhitt) conceives 
to be a mere literary tiction after the manner of the French 
writers of romances, who almost always profess to have translated 
from «some old «Latin» chronicle preserved at St. Denys.» 



59 



reren Stellen des Textes hervor, dass Boccaccio die 
«Thebais» des Statins gekannt und vermuthlicli ans dieser 
geschöpft hat. — — — 

Ich erwähne dann nur noch kurz, dass auch die Er- 
zählung des Zimmermanns, des Studenten, des Gutsherrn, 
des Schiffers und des Mönchs von Boccaccio herrühren 
und behalte mir eine ausführlichere Quellen-Untersuchung 
für eine zweite grössere Arbeit vor, in welcher ich über 
den Ursprung einiger englischer Volkssagen zu referiren 
und bei dieser Gelegenheit Chaucer's Bedeutung von 
einem bisher gänzlich unberücksichtigt gebliebenen Stand- 
punkt aus zu beleuchten gedenke. — — — 

Chaucer's Grösse in Worte zu fassen — wer wollte 
sich dessen für fähig halten! 

Was der Sänger des Wartburgkrieges ^) von sich selbst 
sagt: 

«Diu harfe hat vil suozen sanc, swer kreuwet ir nach prise : 
Bistu der witze niht ein kint. 
Ich han noch selten vil, die ungeruoret sind, 
Die suche wol mit vrage bistu wise — — » 
gilt in noch weit höherem Maasse von unserm Dichter. 

Jenes armen Aegypters denk' ich , der die Trümmer 
eines gestrandeten Kahnes zusammensuchte, um der Leiche 
des grossen Pompejus einen Holzstoss zu errichten — 
und das ist ein Trost; auch die Schwäche darf dem Ge- 
nius ihre Huldigungen darbringen ! — 

Jahrhunderte mögen hin abrollen in den Strom der 
Ewigkeit, Geschlechter kommen und verwelken, so lange 
auf Erden Namen, wie Shakespeare und Byron, gelten 
werden, so lange auf dem grünen, wellenumbrandeten 
Eilande dankbare Epigonen zu dem stillen Poetenwinkel 



^) vgl. Lucas «lieber den Krieg von Wartburg.» 1838. S. 42. 



60 



der Westminster - Abtei wallfahrten werden, so lange 
wird man auch des Pfadpfinders, wird man Geoffrey 

Chaucer's nicht vergessen! Doch auch noch 

nach einer andern Richtung hin hat Chaucer, selbst wenn 
in ihm nicht der gottbegnadete, bahnbrechende Sänger 
entstanden wäre, vollen Anspruch auf unsere Dankbarkeit, 
auf unsere Verehrung. Er zählt mit zu denen, welche 
dem englischen Volke seine Freiheit, dieses geweihte 
Palladium des Menschengeschlechts, haben erringen helfen, 
jene Freiheit, von der sich einst unser Christian Friedrich 
Daniel Schubart, betäubt von deutscher Kerkerluft, nur 
einen Hut voll gewünscht hat für sein armes, geknech- 
tetes, blutendes Vaterland. 

Drei Jahrhunderte, nachdem der deutsche Kaiser vor 
dem Hohenpriester der Christenheit zähneknirschend 
im Staube gelegen hatte, zur selben Zeit, als sie in Rom 
neue Ketten für das Reich deutscher Nation schmiedeten, 
hat Chaucer in edlem zornesmuthigen Freimuth gegen 
die Ausschreitungen und Gewaltakte der Kirche, gegen 
den üebermuth entarteter und fanatischer Priester geeifert ^) 
und so jene religiöse Reformation heraufbeschwören helfen, 
welche als heissersehnte, glücksverheissende Morgenröthe 
einer neuen, einer besseren Zeit voraufgezogen ist! 



^) Aliaque plura fecit, in quibus Monachorum ocia, missan- 
tium tarn magnam multitudinem, horas non intellectas, reliquas, 
peregrinationes, ac caeremonias parum probavit. 

Baleus a. a. 0. I, c. p. 526. 



Breslau. F. W. Jungfer's Bnchdruckerei. 



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